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Münchner Festival "Radikal jung" Radikal Ich

Die geschundene Identität: Bastian Kraft zeigt „Das Bildnis des Dorian Gray“ beim Münchner Festival „Radikal jung“. Älter als Anfang dreißig war in diesem Jahr keiner der eingeladenen Theatermacher.

18.04.2011 18:35
K. Erik Franzen

Man kennt das ja von wissenschaftlichen Konferenzen: Fast noch wichtiger als die Vorträge selbst sind die Pausen, denn dann steht der Austausch unter den Teilnehmern im Mittelpunkt. Gezielt fördert auch das jährliche Münchner Theater-Festival „Radikal jung“ das Gespräch der Regisseure miteinander. Älter als Anfang dreißig war in diesem Jahr keiner der eingeladenen Theatermacher, denen die Festspielleitung das Etikett „Nachwuchs“ antackerte: Als „Regisseure von morgen“ werden sie im Festival-Begleitbuch tituliert.

Bastian Kraft, von 2007 bis 2010 Regieassistent am Burgtheater Wien, ist nach eigener Aussage dankbar für die gebotene Plattform: Über eine Woche lang wird noch nicht fest etablierten Spielleitern die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen und ihre Kollegen kennenzulernen – vor teilweise großem Publikum. Und Preise gibt’s auch noch. Den Anspruch, hier jährlich neue „Generationen“ von Kunstschaffenden auszurufen, haben die Leiter des am Münchner Volkstheater verankerten Festivals nicht.

Eine neue „Generation Romanvorlage“? Gewiss nicht. Zwar beruhen viele der jetzt in München gezeigten Stücke auf literarischen Vorgaben. Aber auch die Altvorderen huldigen der Prosa gegenwärtig mit einer derartigen Hingabe, dass die gegenläufigen Drama-Rufe langsam aber sicher zum Bocksgesang anschwellen. Bastian Kraft lässt sich von solchen Diskussionen nicht verunsichern. Er hat sich „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde ausgesucht, einen Text, der noch heute schillert: wegen seines geistreichen Spiels mit Verschleierung, Entlarvung, Ironie, Abgrund.

Kraft interessiert am „Dorian Gray“ nicht die Anti-Aging-Story. Wenn es jemandem gelingt, seinen biologischen Alterungsprozess in ein Porträt von sich auszulagern, das statt der realen Person mit der Zeit unappetitliche Züge annimmt, hat zwar der Wahnsinn Methode. Kraft geht es aber um Schein und Sein des Ich in der Post-Precht-Ära: Wenn Ich mehr ist als nur Einer, gibt es dann trotzdem das wahre Ich, und wenn ja, wie lange?

Mann in Bildschirmlandschaft

Und so muss der Schauspieler Markus Meyer als Titelheld in der anderthalbstündigen Aufführung allein gegen die vielen Bilder des Dorian Gray antreten, gegen die eigenen und gegen die der anderen. Gnadenlos ist er eingekastelt im Bühnenbild von Peter Baur, einer überdimensionalen Bildschirmlandschaft mit integriertem Klettersteig. Auf bis zu 17 Screens verteilt sind die Gesprächspartner und Erzähler, der ungemein einnehmende Verführer Lord Henry, das aktualisierte Urbild eines Dandys, und der Maler Basil Hallward.

Dorian Gray windet sich nun, mal geschmeidig wie eine Katze, mal expressionistisch verrenkt durch die Installation und erkundet die Halbwertzeit seiner geschundenen Identität. Seine Suche nach dem radikalen Ich wird von Kraft als vielschichtige Verfallsgeschichte eines Individuums erzählt, das sich in den Augen der anderen verliert. Die exakt eingesetzten Videoszenen – Pflanzenaufnahmen verbildlichen ebenfalls das Thema Jugend und Vergänglichkeit – formen auf den fragmentierten Bildschirmflächen den meist gebrochenen Spiegel dieser Suche. In rasantem Tempo mit vielen Cut-ups erzählt, verdeutlicht die Summe der Einzelbilder die Unmöglichkeit, ein ganzes Ich zusammenzusetzen: Dorian Gray merkt lange nicht, dass er den Wettlauf mit der Zeit von Anfang an verloren hat.

Man mag das Setting als Design-Ästhetik abtun, die den Zuschauer doch ein wenig ermüdet. Aber Kraft hat gemäß der Vorlage eben dieses Spiel mit dem schönen Schein ins Zentrum gestellt. Man muss sich nur das Antlitz des Protagonisten ansehen, dessen übersteigerter Glanz Schönheit als Maske enttarnt. Frappant erinnert der völlig in Goldlack getauchte Kopf Dorians an Joseph Beuys’ Outfit in einer seiner berühmtesten Performances – „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Doch anders als beim Alchemisten aus Krefeld findet sich auf der Bühne kein totes Tier, sondern ein toter Held. Und deshalb haben wir wieder keinen, der versucht, uns die Bilder zu erklären.

Was wir haben, und das hat das Festival „Radikal jung“ eindrucksvoll gezeigt, sind Regisseure von heute, die sich ihr Material dort holen, wo sie Stoffe finden, die ihnen neue Spielräume eröffnen. Das muss kein Drama sein.

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