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Mousonturm Über Geld spricht man

Zur Saisoneröffnung stellt das Frauenkollektiv „She She Pop“ chorisch die Frage nach dem eigenen Besitz

Am interessantesten sind die Pausen. Der Umgang der Zuschauer mit der Scham über den eigenen Besitz. 21, 22, 23, kann man zählen, nachdem per Texttafel „Alle Wohlhabenden“ im Publikum aufgefordert wurden, den auf eine Leinwand eingeblendeten Text gemeinsam zu sprechen. Doch siehe da, schon erheben sich im Halbdunkeln einige Stimmen, die zusammen den „Chor der Wohlhabenden“ bilden. Auch die „Mütter ohne Absicherung“ werden gebeten, gemeinsam zu sprechen.

So unterteilt das am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft ausgebildete Performance-Kollektiv „She She Pop“ das Publikum im Laufe der eineinhalbstündigen Inszenierung „Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ in unterschiedliche soziale Gruppen. Die Inszenierung ist der Spielzeit-Auftakt des Mousonturms, der unter dem Motto „Eine Stadt wie Frankfurt“ unterschiedliche Künstler dazu eingeladen hat, sich mit den räumlichen und ökonomischen Bedingungen unserer Gesellschaft zu beschäftigen.

Auf der Bühne stehen neun Menschen. Mitglieder von She She Pop, aber auch Frankfurter Bürger, die von ihren Erfahrungen mit Eigentum erzählen. In verteilten Rollen, mit Fahnen, die ihnen später als Kostüme dienen, sprechen die Performer etwa den „Katechismus vom Eigentum“, „Die Fabel von der Entmietung“ oder beklagen, dass das ehemalige Gebäude des Frankfurter Polizeipräsidiums an Investoren verkauft wurde, statt es in Sozialwohnungen umzuwandeln. Begleitet werden sie von einem Trompeter und einer Vibraphon-Spielerin.

Die Inszenierung ist am stärksten, wenn sie das Publikum beteiligt, dieses im Wechselspiel mit den Darstellern die eingeblendeten Texte spricht und sich zu ihnen verhält. Etwa, wenn alle Erben dazu aufgefordert werden, auf der Bühne zu sagen, was sie erben werden und die Gesamtsumme ihrer Erbschaften zusammenzurechnen. Die altgediente Regel „Über Geld spricht man nicht“ wird ausgehebelt, der Zuschauer zum Voyeur. Als ein Mann erklärt, er erbe ein Haus mit Garten in Sachsenhausen, geht ein Raunen durchs Publikum – Frankfurter wissen, wie viel sein Besitz wert ist.

„Oratorium“ appelliert an die moralische Verantwortung der Besitzenden, aber die Inszenierung offenbart auch Widersprüche, in die ein einzelner Wohnungsbesitzer geraten kann und entgeht so einer einseitigen Moralisierung. Indem das Publikum als Chor benutzt wird, zeigt sie auf, dass die Verteilung von Besitz nicht nur eine private, sondern eine gesellschaftliche Angelegenheit ist.

Ausgehend von Bertolt Brechts Lehrstücktheorie stiftet „Oratorium“ den Zuschauer augenzwinkernd dazu an, Haltungen „anzuprobieren“, zu prüfen, wie wohl er sich dabei fühlt, zum „Chor der Mütter ohne Absicherung“ zu gehören oder zum „Chor der gut situierten Rentner“. Ob sich dadurch sein Verhalten verändern wird, sei dahingestellt.

Ein interessanter Abend für die liberale Mittelschicht, die ein Bewusstsein ihrer durch Eigentum entstandenen Verantwortung hat, ist es allemal. Man wünscht sich nur, dass er auch jene Besitzenden erreicht, die sich in den Mousonturm nicht verirren würden.

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