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Mousonturm Mit glühenden Wangen

Thorsten Lensings "Karamasow" in Starbesetzung und kurzweiligen vier Stunden am Frankfurter Mousonturm.

Karamasow
Devid Striesow (l.) und Ursina Lardi in Karamasow. Foto: Arwed Messmer

Möglicherweise hatten diejenigen, die schon lange vor der Pause hinaustapsten, gedacht, es handle sich bei „Karamasow“ um eine Art Theater-„Tatort“ oder vielleicht einen Russen-Mafia-Thriller. Schließlich spielte Devid Striesow, Kommissar Stellbrink, mit. Wie auch Ursina Lardi, ebenfalls aus Film und Fernsehen bekannt. Und eigentlich sollte auch Lars Rudolph dabei sein, für den in Frankfurt aber Heiko Pinkowski einsprang als neunjähriger, schwindsüchtiger Iljuscha, Sohn des Nikolaj Snegirjow. Pinkowski ist ein Bär von einem Mann und auch die zarte Ursina Lardi sieht nicht wirklich aus wie eine 14-Jährige: Regisseur Thorsten Lensing pfeift in seinem (mit Pause) vierstündigen Theater-Ausschnitt aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ auf Realitätsnähe.

Es gab viele Koproduzenten und Mittel aus dem Nationalen Performance Netz bei dieser mit herrlichen Schauspielern besetzten, auf deren Kunst ganz vertrauenden, ansonsten aber sparsamen Inszenierung. Ende 2014 hatte sie in Berlin Uraufführung, an diesem Wochenende konnte sie der Frankfurter Mousonturm drei Mal zeigen.

Thorsten Lensing hat sich auf den Singular „Karamasow“ beschränkt (die Textfassung entstand unter Mitarbeit von Dirk Pilz, Autor auch dieser Zeitung): Die Brüder Dmitri – er wird fälschlich beschuldigt, den Vater wegen Geld ermordet zu haben – und Iwan treten hier gar nicht leibhaftig auf; Devid Striesow ist Aljoscha, der Jüngste der Karamasows. Als Novize und Schüler des menschenfreundlichen Mönchs Starez Sossima versucht er bei Dostojewski, das Gute zu tun. Auch Lensing gibt ihm, auf dem Leichenschmaus zu Iljuschas Beerdigung, das letzte, hoffnungsvolle Wort: Wie aber Striesow auf den Tisch steigt, mit glühenden Wangen und flammender Rede das ewige Erinnern an den Jungen beschwörend („er war richtig mutig!“), ist diesem so offensichtlich übertriebenen Appell seine Vergeblichkeit schon eingeschrieben. Überhaupt ist in dieser Inszenierung die Balance eine feine und überzeugende zwischen einem spielerischen Es-ist-doch-nur-Theater und moralisch-philosophischen Abwägungen. André Jung (noch eine Schauspielergröße in dieser Inszenierung) personifiziert diese Balance, indem er den geradlinig für Nächstenliebe eintretenden Starez Sossima gibt, wie auch hinreißend und ohne Übertreibung den Hund. Einen in Maßen bellenden, knurrenden, ganz nach Tierart blinzelnden und niesenden Hund. Mal sitzt er still und aufmerksam, mal legt er den Kopf treuherzig auf Herrchen Kolja, mal klammert er sich im Begattungsversuch an dessen Bein. Das Publikum muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn es sich hier amüsiert.

Auf der kargen Bühne (Johannes Schütz) gibt es Stöcke für den Hund (bzw. als symbolischer Hindernis-Holz-Haufen), ein aus Stühlen gebautes Bett. Nach der Pause sprüht es aus einer Schnee-(Schaum-)Maschine. Die schlichten Kostüme von Anette Guther sind 20. Jahrhundert. Blut (der Hund beißt auf einen Nagel, Aljoscha wird von Iljuscha gebissen) kommt demonstrativ aus einer Plastikflasche.

Ein großer Abend, denn die Figuren funkeln in dieser schnickschnack-freien Inszenierung. Striesow ist eine Idealbesetzung für den so durch und durch wohlmeinenden, ein wenig naiven Aljoscha Karamasow. Ursina Lardi verunsichert ihn mit Lust und Hinterlist als physisch und psychisch kranke 14-jährige Lisa (sie liebt ihn, sie hat nur Spaß gemacht, sie liebt ihn …). der weißbärtige Ernst Stötzner schwadroniert famos als Lisas letztlich rat- und hilflose Mutter. Rik van Uffelen ist als Snegirjow ein aufrecht sorgender, aber ebenfalls hilfloser Vater. Und Sebastian Blomberg gibt den Kolja, dieses leicht gestörte, verstörte Bürschchen.

Am Ende stoßen Lensings/Dostojewskis Figuren auf sich und ihre Gemeinschaft an. Aber man hat doch gesehen, wie sehr sie Suchende und Irrende sind.

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