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Mortier Madrid Nationaloper auf der Höhe der Zeit

Ist es hier doch noch, das richtige Rezept für eine spanische Nationaloper? Gérard Mortiers letztes Projekt für Madrid bringt dem Teatro Real die geglückte Uraufführung von Mauricio Sotelos Lorca-Oper „El Público“.

26.02.2015 16:30
Hans-Klaus Jungheinrich
Surreale Welt in "El Público" am Teatro Real in Madrid. Foto: AFP

Gérard Mortier wirft einen langen Schatten. Der große europäische Opernmanager ist ein Jahr nach seinem Tode alles andere als vergessen. Auch in Madrid nicht, seiner späten Wirkungsstätte, wo sein internationales Flair und seine radikale Ästhetik nicht nur auf Gegenliebe stießen. Posthum zeichnet sich dieses Bild viel harmonischer. So annoncierte das Teatro Real voll Stolz und Pietät – und durchaus um internationales Flair besorgt – die wohl letzte von mehreren auf Initiative Mortiers entstandenen Opern, „El Público“ des gebürtigen Madrilenen Mauricio Sotelo (Jahrgang 1961).

Mit diesem Stück hat es eine besondere Bewandtnis. War die letzte Mortier-Uraufführung zu seinen Lebzeiten, Charles Wuorinens „Brokeback Mountain“, die gleichsam kosmopolitische Hervorbringung eines amerikanisierten Finnen, so ist „El Público“ ein urspanisches Sujet. Die Vertonung eines der dunkelsten, unbekanntesten Theatertexte Federico García Lorcas zielte sichtlich darauf, so etwas wie das Modell einer modernen spanischen Nationaloper entstehen zu lassen. Ein Werk auf der Höhe der Zeit und in Idealkonkurrenz zu den weltweit avanciertesten Exempeln des Musiktheaters. Das ist so ziemlich gelungen.

Librettist Andrés Ibanez verdichtete die Szenenfolge zu fünf Bildern, in denen es kaum zu einer erzählbaren Handlung kommt, eher zu einem Vexierspiel der Motive, die um Homosexualität, Maskenspiel und Theater kreisen – wenn man so will, handelt es sich um einen einzigen, Leben und Kunst, Wahrheit und Schein miteinander verwebenden Themenkomplex.

Das stilistische Medium dieser Theatralität ist der Surrealismus der vorletzten Jahrhunderthälfte, vielleicht ergänzt durch einen „Kubismus“ der antipsychologisch und nichtnaturalistisch gezeichneten Personen. Die so emphatische wie ironische Titel-Berufung auf ein „Gegenüber“ zur Illusionswelt der Bühne widerspricht der puren Selbstbezüglichkeit eines „Theaters über Theater“. Archetypen wie die Totenklage einer Mutter oder der blutbeschmierte gekreuzigte Christus werden ebenso zum existentiellen Appell wie zur ikonographischen Anspielung.

Der Komponist als „ultimativer Librettist“

Sotelo versteht den Opernkomponisten als „ultimativen Librettisten“: Das gewissermaßen Unvollendete des Textkorpus wird in der musikalischen Realisation transzendierend „aufgehoben“. Es gelang ihm eine meisterhafte, hochkomplexe Musikalisierung, die eine faszinierende Zusammenführung von neuem Opernklang und traditionellen Flamenco-Intonationen enthält. Eng ineinander verzahnt, verweisen sie auf die „andalusische“ Poetik Lorcas, die bei anderen Vertonungen (etwa in Wolfgang Fortners „Bluthochzeit“) eher in moderat-verwässerter Folkloristik assoziiert wird.

Neben dem Theaterdirektor (Bariton José Antonio López) und den mit großen Arien bedachten Frauenstimmen (Gun-Brit Barkmin, Isabella Gaudì) treten also vehemente Flamencosänger auf. Aus dem als Opernorchester fungierenden Klangforum Wien heben sich nachdrücklich ein Gitarren- und Schlagzeugsolist heraus.

Die Aura einer großformatigen Oper beschwor auch der Dirigent Pablo Heras-Casado, der von den ersten drei Orchesterschlägen an die Ereignisse leichthändig und effektvoll im Griff hatte (auch die bedeutsamen Passagen des Chores).

Und um große Bilder war der Regisseur Robert Castro niemals verlegen. Er teilte sich die Personenführung mit dem Choreographen Darrell Grand Moultrie und seinen phantasmagorischen, von Wojciech Dziedzic abenteuerlich kostümierten Tanzsolisten.

Auch beim Bühnenbild von Alexander Polzin gab es andalusische Inspirationen: vielfältige Azulejo-Stelen, die an die Ursprünge des deutschen Künstlers als Bildhauer erinnerten. Szenographischer Höhepunkt wohl das vorletzte Bild mit fünffachen Spiegelungen: surrealistisches Welttheater, dabei erzspanisch in seiner sakral aufgeheizten Blutmystik.

Betont herzlicher Uraufführungsbeifall. Hatte man nun doch die richtige Rezeptur einer ambitionierten Nationaloper entdeckt? Aktuell Spanisches kommt auch nächste Saison mit dem künstlerischen Direktor Joan Matabosch Grifoll zur Geltung, dazu ein Prüfstein wie Schönbergs „Moses und Aron“. Nein, nach Mortier gehen hier die Lichter nicht aus. Für Madrid hat er nicht umsonst gelebt.

www.teatro-real.com

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