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„Medea“ Der grenzenlose Hass

Cherubinis „Medea“ in sehr überzeugender Version in Stuttgart.

Medea
Medea und Neris, die eine schon entschlossen, die andere noch flehend. Foto: Thomas Aurin

Medea, der übel mitgespielt wird und die daraufhin definitiv zu weit geht, ist bei Luigi Cherubini und Peter Konwitschny nicht so sehr die Ausländerin. Sie ist vor allem die, die sich nicht an die Regeln hält. In seiner uneingeholt klugen „Kunst der Oper“ schildert auch Ulrich Schreiber sie als Normabweichlerin und beschreibt zugleich, wie der Noch-Klassizist, Fast-schon-Romantiker Cherubini sie musikalisch teils einzwängt, ohne dass sie sich dadurch am Schlimmsten hindern ließe. Die von Formfragen also ethisch und ästhetisch betroffene Mörderin nimmt das Angebot zum diskreten Rückzug nicht an. Konwitschny lässt sie wie einen bösen Geist in die Hochzeitsgesellschaft ihres Ex fahren.

Eine Spielverderberin der gefährlichen Art in einer Oper der gefährdeten Art. Cherubinis „Medea“, 1797 uraufgeführt, gehörte zur Gattung der Opéra comique, der in Paris lange gepflegten Oper mit gesprochenen Dialogen. Auch „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Carmen“ bekam der Untergang der Opéra comique nicht. Bis heute geht ihnen etwas ab (die Dialoge), das auf der Opernbühne schwer zu realisieren ist und von vielen ungern gehört wird. Der „Medea“ wurden später ebenfalls Rezitative hinzugeschrieben, um ein anständig durchkomponiertes Werk zu erhalten. Es hat eine gewisse Logik, dass sich zudem noch die spätere italienische Fassung durchsetzte – inklusive eines kurzen Comebacks mit Maria Callas als Titelheldin 1953.

Die Oper Stuttgart bleibt beim vertrauteren Namen, bemüht sich aber mit Sinnlichkeit und Verstand um eine Rückkehr zur originaleren „Médée“-Gestalt. Dafür wird – zu Recht, aber folgenreich – auf Deutsch gesungen, Bettina Bartz und Werner Hintze haben eine passable deutsche Fassung erstellt. Alles klingt nun ein wenig nach Beethoven und Schumann, kein Nachteil, aber eine eigenwillige Note. Konwitschny selbst hat sich um die Dialoge gekümmert, kurze, schneidende, manchmal saloppe Dialoge. „Ich werde meinem Hass keine Grenzen setzen. Meiner Liebe habe ich ja auch keine gesetzt“, erklärt Medea bündig, und Cornelia Ptasseks Sprechstimme hat dabei den hochdramatischen Ernst, den man überhaupt nur noch in der Oper hören kann. Im Schauspiel wäre es – peinlich? Auch dies ein Grund, Operndialoge nicht totzuschweigen, sondern ihren Schwung – wie hier geschehen – zu nutzen.

Insgesamt ist die Stuttgarter Fassung, gekürzt auf 135 pausenlos dargebrachte Minuten, die nichts vermissen lassen, auf eine brauchbare Wiederentdeckung angelegt. Von der voranstürmenden Ouvertüre, rasant dargeboten unter dem Dirigat von Alejo Pérez, bis zum gnaden- und trostlosen Finale mit Entsetzensgekreisch und Donnereffekt ist das musikalisch ein Triumphzug. Ptasseks herrlich auffahrende, tragisch grundierte, in Bestform befindliche Medea wird von erstklassigen Rollendebüts flankiert: An ihrer Seite Helene Schneiderman als Amme Neris, das personifizierte Mitgefühl. Ihnen gegenüber: die schnuckelige Konkurrentin Kreusa, Josefin Feiler mit lichtem Sopran, und deren Vater Kreon, Shigeo Ishino als überzeugender Charakterbariton. Sebastian Kohlhepp ist ein makelloser Tenor, was seinem Iason entspricht, der in reinlicher Kapitänstracht auftritt und nicht auf der emotionalen Höhe seiner verstoßenen Frau ist. Viel Spannung ziehen Musik und Regie aus der Naivität, mit der auch die, die es besser wissen sollten, Medea unterschätzen.

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