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May Skaf Die Stimme einer Revolution

Mit 49 Jahren ist die syrische Schauspielerin May Skaf in Paris gestorben.

May Skaf
May Skaf spricht bei der Beerdigung ihrer Kollegin Fadwa Suleimane in Paris, 2017. Foto: afp

Im Juni 2016 war die aus Syrien geflohene Schauspielerin May Skaf in Berlin. Im Rahmen der Aktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ des „Zentrums für Politische Schönheit“ trug sie einen Text vor, in dem sie erläuterte, warum sie bereit sei, sich von den bereitgestellten vier Tigern fressen zu lassen, wenn das bundesrepublikanische Parlament sich nicht in der Lage sehe, den Paragrafen 63 abzuschaffen.

Diese europäische Beförderungsrichtlinie zwingt Fluglinien dazu zu kontrollieren, ob Reisende die richtigen Papiere haben für die Einreise in die Bundesrepublik. Mit der Abschaffung dieses Paragrafen wäre kein Flüchtling mehr auf illegale Schlepper angewiesen. Es gäbe also deutlich weniger Tote im Mittelmeer. Das war eine Show, die uns vor Augen führen sollte, dass wir bereit sind, Hunderte, Tausende im Mittelmeer ertrinken zu lassen, nur um nicht teilen zu müssen. Es wurde damals viel diskutiert, wie weit Kunst gehen dürfe. Jeder der May Skaf hörte, wusste: Das ist Theater. Ihre Rede war die einer Tragödin. Ihre Stimme schien aus dem großen Sprechtheater des 19. Jahrhunderts zu kommen. Mit all jenem Pathos, das wir das falsche nennen. Hier war es genau richtig. Es signalisierte: Hier wird Theater gespielt. Dass du ergriffen bist, sagt dir nur: Hier wird gut Theater gespielt.

Am letzten Tag trat May Skaf noch einmal auf. Diesmal stand sie nicht im Theater, sondern draußen auf den Stufen vor seinen Türen und verlas einen „Brief der Tiger an die menschliche Bevölkerung“: „In euren Augen sahen wir Angst. Angst vor uns und vielleicht auch vor euch selbst ... Ihr habt Mitleid mit uns, aber euren Schwestern und Brüdern versagt ihr den Schutz?“

Am 23. Juli ist May Skaf in Paris an einem Herzinfarkt gestorben. Im vergangenen April war sie 49 Jahre alt geworden. Sie sei, hatte sie uns damals im Gorki-Theater erklärt, in Syrien einem Millionenpublikum bekannt gewesen. Als Fernsehschauspielerin hatte sie großen Erfolg gehabt. Bis sie sich im Jahre 2011 zusammen mit anderen Künstlern gegen das Assad-Regime stellte und öffentlich gegen die Machthaber auftrat. Ihre Verhaftung – zusammen mit 30 anderen – machte sie zu einer Symbolfigur des Widerstandes. 2013 verließ sie nach einer weiteren Verhaftung Syrien und emigrierte nach Frankreich.

Im Internet gibt es einen elfminütigen Film – mit englischen Untertiteln –, der „A Farewell to Damascus“ heißt und in dem sie sich verabschiedet von Syrien. Sie habe, erklärt sie, keine Angst um ihr Land. Aber das Regime habe alles getan, aus politischen Auseinandersetzungen einen Bürgerkrieg zu machen. Es gebe nicht ein Syrien, sondern viele. Das sei nichts Neues. So sei Syrien. Ihr letzter Facebook-Eintrag soll lauten: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“

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