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Maxim Gorki Theater Berlin Der kostümierte Aufstand

Milan Peschel inszeniert die Nazikomödie „Sein oder Nichtsein“ erst in Krakau, dann in Berlin: Die grandiose Frage des Abends ist, was eine Kunst leisten kann, die zwischen spaßiger Triebabfuhr und nackter Not nicht mehr trennt. O erschlaffte, narzisstische Kunst!

18.04.2011 13:55
Tobi Müller
Ein schöner, zunehmend verwirrender Abend, hier mit Ronald Kukulies und Sabine Waibel. Foto: Thomas Aurin

Tritt einer durch die Theatertür ins Gestapobüro, fährt das Führerporträt an der Wand jedes Mal lustig rauf und runter. Man legt überhaupt großen Wert darauf an diesem Abend, jede noch so prekär als Kulisse ausgestellte Kulisse pedantisch zu respektieren. Denn wir sind im Theater, das ein Stück spielt, in dem vor allem Theater gespielt wird. Und zwar über eine Zeit, in der Verstellung tatsächlich über Leben oder Tod entscheidet, über „Sein oder Nichtsein“. Die Nazikomödie von Ernst Lubitsch (1942) wusste noch nichts Genaues über die Vernichtungslager, Nick Whitbys Broadway-Version hingegen schon, und Milan Peschel, der den Stoff nun im Berliner Maxim Gorki Theater zeigt, denkt bereits durch die Brille von Tarantinos „Inglourious Basterds“.

Triebabfuhr und nackte Not

Der Plot um die Warschauer Theatertruppe, die kurz vor der deutschen Besetzung die Gestapo parodiert, und kurz danach eigentlich auch, aber jetzt unter lebensgefährlichen Umständen, der Plot also um den ästhetisch kleinen Unterschied zwischen Parodie und rettender Verstellung steht auch in Berlin im Zentrum. Die grandiose Frage des Abends ist, was eine Kunst leisten kann, die zwischen spaßiger Triebabfuhr und nackter Not nicht mehr trennt und dazu immer die gleichen (Selbst-)Bilder präsentiert. O erschlaffte, narzisstische Kunst! Diesen Expressionismus muss man aushalten, bei aller Komik. Am Schluss gibt es auch eine „Wie weiter?“-Szene wie eine an die Wand genagelte hochgezogene Augenbraue.

Regisseur Peschel und sein Team bauen die Hamlet-Happen von Lubitsch sogar noch aus, was widerstandslos geht, da Bilder des Spielens und Schemen des Todes beide zuhauf und paarweise im Hamlet herumgeistern. Damit konzentriert sich Peschel also ganz auf das, was er kennt, das Spielen nämlich. Peschel war erst von Haus aus Techniker, bevor er Ende der neunziger Jahre zu einem der Schauspielstars der Berliner Volksbühne wurde. Als Regisseur hat er hier endlich einen Stoff gefunden hat, der ihn grundlegend beschäftigt. Und in mehreren Sprachen: Ende März hatte „Sein oder Nichtsein“ im Stary Teatr in Krakau Premiere, am Donnerstag gab es bereits die Version mit deutschen Schauspielern am Maxim Gorki Theater in Berlin. Ja, da hat noch das eine oder andere geklappert und stülpte sich mal zu rasch nach außen, das sieht man selbst dann, wenn die Beobachtungsebenen kompliziert und lustvoll sind: gute Schauspieler, die schlechte Schauspieler spielen, die Nazis spielen.

Das ist dann herrlich, Ronald Kukulies beim hemmungslosen Chargieren als gespreizten Hamlet-Schauspieler Josef Turia zuzusehen. Derart mimisch herausgefordert haben wir den Mann noch nie gesehen. Am andern Ende der Temperaturskala bewegt sich der über achtzig Jahre alte Horst Westphal, der als Bronski vom Durchbruch als Hitler-Darsteller träumt und schon zufrieden ist, wenn er ein Autogramm für jemand anderes geben darf – Egozentrik geht auch in bescheiden. Und Sabine Waibel als Turias Frau gibt sich schon gar nicht die Mühe, etwas anderes zu spielen, egal ob sie gerade ihrem Mann, dem polnischen Flieger oder dem Gestapo-Spion als Gespielin dient. Dazu tunkt Peschel die ganze Szenerie in einen Tarantino-inspirierten Soundtrack des Spaghetti Westerns, die zwar abgenudeltste Trash-Referenz, die man im Theater noch machen kann, aber sie fällt zum Glück auch nicht weiter ins Gewicht.

Forsche Forderung

Ironiesignale zum Trotz, gegen Ende will der Abend immer deutlicher sagen, was er längst vorgeführt hat. Und damit sind wir bei der falschen Frage nach dem echten Leben, wenn auch lustig gestellt. „Sein oder Nichtsein“ in Berlin zeigt trotz Slapstick-Siegel auch etwas empört auf die Kunst der Verstellung. Manchmal wirkt das wie der Blick eines wachen Heranwachsenden, der überall Falschheit wittert und forsch Authentizität einfordert.

Schön und zunehmend verwirrend führen Peschel und Co vor, wie alle Beteiligten die Theatralität der Situation jederzeit durchschauen und doch die gemeinsame Einbildung von Wirklichkeit aufrecht erhalten. Doch das hat nichts, wie es der Abend nahe legt, mit Nazikram, Narzissmus oder mangelndem Engagement zu tun, sondern grundlegend mit Gesellschaft. Über die theatrale Verfasstheit der Höflichkeit schrieb schon Immanuel Kant, in unserer Zeit auch Richard Sennett, und alles zusammen kann man aktuell beim Wiener Philosophen Robert Pfaller nachlesen. Der wahre Terror ist nicht die Verstellung, sondern der Zwang zum Authentischen.

Maxim Gorki Theater, Berlin: 18., 25. April www.gorki.de

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