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„Manon“ in Wiesbaden Starke kranke Frau

Als zeitlich unbestimmten Bilderbogen inszeniert Bernd Mottl in Wiesbaden Jules Massenets „Manon“.

Manon
Cristina Pasaroiu als eine lädierte, aber dynamische Manon. Foto: Karl & Monika Forster

Begabung für Farben und flüsternde Melodien hat ihm Claude Debussy attestiert: Jules Massenet, der 1882 nach einem Roman von Abbé Prévost seine fünfaktige Oper „Manon“ schuf. Das Libretto hatten Henri Meilhac und Philippe Gilles verfertigt und dabei feine Ambivalenzen der Titelfigur ausformuliert. Manon Lescaut, eine eigentlich für das Kloster bestimmte 16-Jährige, mit Zwielichtigkeiten zwischen Freiheit, Luxus und stillem Glück. Massenet war musikalisch diesen Differenzen gefolgt, ohne zum Hüsteln oder Schreien des opernhaften Schwindsucht-Syndroms greifen zu müssen. Ein typisches, französisches Klima also: differenziert, nicht grell und durchaus gemessen in seinen dramatischen Komplexionen. Überwölbt von einer fast retrospektiven Einstellung, denn die Handlung spielt zur Zeit des Ancien Régime.

Am Staatstheater Wiesbaden hatte das 1884 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführte Werk jetzt Premiere, bei der Bernd Mottl Regie führte. Entschieden hatte man sich für einen Zeit-Mix, der von partiell eingesetzter feudal-aristokratischer Robe bis zur Lederkluft einschlägiger zeitgenössischer Milieus reichte. Dazwischen aktuelles Rotlicht-Entertainment und die Volksmasse im Ottonormalverbraucher-Look altbundesrepublikanischer Provenienz. Auf der Bühne wechselnde Raumsegmente, die von einem Drive-In über Dachjuchhe-Romantik der jugendlichen Liebenden Manon und Des Grieux bis hin zu Sakristei-Anmutungen, Spielhöllen-Enge und finaler Raumleere mit Lastwagenverfrachtung der Delinquenten reichte. Ein Bilderbogen, der sehr gut die Erinnerungs-Panoramatik des Geschehens, die sich zuletzt bei der sterbenden Manon einstellt, repräsentiert (Kostüm und Bühne: Friedrich Eggert). Die Kürze des Todes hier zeigt wieder, dass das Konzept des Zeitlupentods mit seinen endlosen Rückholaktionen ein genuin italienisches ist.

Mottl hat sich recht eng an den Sinn- und Handlungsverlauf der Oper gehalten. Man bekommt keine regielichen Beilagen in Form von zusätzlichem Deutungs-Personal verabreicht, sieht man von den beiden zur Ouvertüre herumhockenden Obdachlosen ab, die wohl eine Antizipation des Protagonistenpaares darstellen sollten. Manche der Männer und bei Absturzgefahr auch die Frauen, die nuttigen sowieso, rauchen; und der familienehrenhalber aktive Manon-Cousin (in abwegiger Rocker- und Biker-Kluft) verbindet seine Rosalinde-Arie mit Gewalttätigkeiten gegenüber dem umworbenen Objekt: ein provinzieller Ausrutscher der Regie.

Entschieden wird die Tendenz verfolgt, Manon als eine hochdynamische, immer präsente Figur nach dem Motto „Starke Frau“ zu vermitteln. Dem kam Cristina Pasaroiu trotz eines Fußbruch-Handicaps nach. Eine wirbelnde, energiegeladene Person, die nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch der fast burschikosen Munterkeit an die junge Lilo Pulver erinnerte. Stimmlich geriet sie, auch was die letzten Höhen anbetrifft, immer besser ins Spiel. Eine volle, obertonreiche Stimme mit schöner, homogener und weiter Mitte. Ihr ebenbürtig ist Ioan Hotea als Chevalier: ein strahlender, biegsamer in der Höhe manchmal zu weit aufdrehender Tenor.

Von den distinguierten Stimmen Florian Kontschaks (Vater Des Grieux) und Christopher Bolducs (Cousin Lescaut) abgesehen, war die Aufführung trotz französischer Sprache deutsche Oper: mit Stimmformatierungen, die sich maßgeblich hochdramatisch, heftig und oft am Sinn der farbigen Timbres und flüsternden Melodien vorbei erging. Dies Wuchtige, Direkte, ein bisschen Unsublime war dagegen weniger im differenziert von Jochen Rieder geleiteten Orchester gegenwärtig. Schablonenhaft choreografiert musste der vorzügliche Opernchor (Leitung Albert Horne) agieren.

Staatstheater Wiesbaden: 5., 9., 11., 15., 17., 26. November. 10., 15. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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