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Mannheim "Alceste" Familie in Staubwolke

Dietrich Hilsdorf bringt Glucks „Alceste“ am Nationaltheater Mannheim äußerst überzeugend auf die Bühne. Nur an die absurde Wendung zum Guten nach Stunden des Jammerns und Klagens mag er nicht glauben.

Nein, sie will ihre Suppe nicht essen, aber was bleibt ihr schon. Cornelia Ptassek als Titelheldin der Mannheimer „Alceste“. Foto: Hans Jörg Michel

Christoph Willibald Glucks „Alceste“ war seinerzeit eine „Reformoper“. Die durchinstrumentalisierten Rezitative machen das heute noch spürbar, aber auch die Natürlichkeit der Personen, deren Gesang sich gegen haarsträubende Elemente des Librettos quasi aufzulehnen scheint. Dabei haben die Mannheimer die spätere, 1776 uraufgeführte französische Fassung gewählt, für die gegenüber der italienischen einige Längen und Ungereimtheiten entfernt wurden.

Dirigent Rubén Dubrovsky und Regisseur Dietrich Hilsdorf wiederum setzen am Nationaltheater über weite Strecken auf guten, staubfreien Geschmack. Obwohl die Musik von geradezu meditativer Ruhe und Gelassenheit ist, allerdings vom hier stark und breit geforderten Mannheimer Ensemble auch exquisit dargeboten wird. Und obwohl die Welt der Königsfamilie buchstäblich in eine Staubwolke gehüllt scheint.

Also: Erzählt wird nach Euripides die Geschichte von König Admète, der im Sterben liegt. Nur ein Mensch, der bereit wäre, mit ihm zu tauschen, könnte ihn retten. Seine Frau Alceste zögert nicht: Cornelia Ptassek ist eine wunderbar elegische, dabei sportlich straffe Darstellerin, eine Frau von schnellster Entschlossenheit und auch sehr dauerhaft bei beweglicher, geradezu herzlich warmer Stimme.

Der König: ein fürchterlicher Jammerlappen

Eingangs geht alles rasch, der Oberpriester (sonor: Thomas Berau) hat auch nicht wirklich viel einzuwenden. Nun aber ist noch stundenlang Zeit, während Alceste in Depressionen verfällt, Admète hingegen wieder wohlauf ist und lange nicht kapiert, wer nun statt seiner sterben soll – als echten Monarchen interessiert ihn das auch nicht übermäßig. Als er endlich versteht, dass es sich um seine Gattin handelt, mit der er jetzt lieber feiern würde und dann ab ins Ehebett, klagt er sehr ausführlich, unternimmt jedoch nichts. Hilsdorf lässt ihn zwischenzeitlich fesseln, damit er nichts dafür kann, aber auch in Mannheim ist er ein fürchterlicher Jammerlappen: Andreas Hermann mit dabei starkem, strapazierfähigem Jammertenor.

Die prickelnde Kollision von Natürlich- und Seltsamkeit weiß Hilsdorf nun insgesamt hervorragend zu nutzen. Ein Hauptcoup ist die Ausstattung (Bühne: Dieter Richter, Kostüme: Renate Schmitzer), die das Geschehen aus der antiken Mythologie mitten hinein in Glucks Welt transportiert. Matt schimmert das Satin, alt sind die Puderzöpfe, und die vom Olymp herunterdonnernde Stimme stellt sich als Menschlein mit Megaphon heraus.

Die nicht überfüllte Bühne zeigt das Himmel-, Sterbe- und Ehebett, dazu Sitzgelegenheiten. Nach hinten öffnet ein Durchgang den Blick auf Filmbilder, die wie ein mysteriöser Spiegel wirken, sich im Laufe der Handlung aber auch verselbstständigen können. Die Menge des kompakten Chores wird dadurch vervielfacht, ein Tisch zur endlosen Tafel, das Traumhafte gesellt sich zum Realistischen.

Das am Ende bei Hilsdorf die Oberhand gewinnt. Während das königliche Paar sich zu Recht, aber wie gesagt auch sehr lange über das Schicksal (die Götter) beklagt, sitzen die Menschen (und Götter) am Tisch und löffeln traurig bzw. gleichmütig (die Götter) ihre Suppe. Während der Gott der Unterwelt (wuchtig: Sebastian Pilgrim) sich bereits an Alceste heranwirft, setzen sich endlich die Retter in Bewegung, um ein absurdes Happyend zu ermöglichen: Prolet Herkules (in jeder Hinsicht perfekt grobianisch: Joachim Goltz) und Snob Apoll (blasiert: Raymond Ayers). Es zeigt sich allerdings, dass Admète bereits den Weg zum erweiterten Suizid betreten und offenbar die reizenden, winzigen Kinder umgebracht hat.

Hilsdorf ist ein Pessimist, was frohe Ausgänge für Familien betrifft. Es ist auch seine sichere, präzise Personenführung, die es so interessant macht, ihm in Mannheim zu folgen.

Nationaltheater Mannheim: 28. Februar, 7., 19. März. www.nationaltheater-mannheim.de

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