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„Mandragola“ Der machiavellistische Punkt

Das Rémond-Theater in Frankfurt zieht Niccolo Machiavellis „Mandragola“ hervor und unterhält uns mit schönster Privatpolitik.

FRT Mandragola
Der Liebhaber in spe, hier als Mönch verkleidet, und die Tugend in Person. Helmut Seuffert Foto: Helmut Seuffert

In seiner Komödie „Mandragola“ führte der in der Nachwelt dann recht berüchtigte Niccolò Machiavelli dem Renaissance-Publikum vor, wie sich das Konzept einer kühlen – später sagte man: skrupellosen – Realpolitik auf das Privatleben übertragen ließ.

Das Fritz-Rémond-Theater in Frankfurt zeigt in einer sehr empfehlenswerten Inszenierung die erfolgreiche Nachkriegsfassung von Max Christian Feiler, die die ausschweifende Handlung auf den machiavellistischen Punkt und die Personenzahl auf der Bühne auf ein spielbares Maß zurückführt: Ein geiziger Greis (65) ist in Florenz mit einer tugendhaften Schönen verheiratet. Die beiden verstehen sich gut, aber die Ehe bleibt kinderlos. Als hierfür eine hohe Steuer im Gespräch ist, gerät der Alte schier in Panik.

Ein im Nebenhaus bereits lauernder, schwer verknallter Edelmann wird nun von seinem höchst machiavellistischen Diener glänzend beraten: Er schleicht sich als Arzt ein, bietet die Lösung des Problems an, und die Lösung des Problems ist dann, dass ein ausreichend viriler Mann sich als Erzeuger des steuerlich erforderlichen Kindes zur Verfügung stellt. Wie man sich lebhaft denken kann, wird das der Edelmann selbst sein.

Aufs Feinste wird ausgeführt, wie einerseits (der Diener ist ein Genie) allerlei Kompliziertheiten die delikate Situation aus sittlicher Warte erträglicher machen sollen – hier kommt etwa das titelgebende Alraun umständlich ins Spiel. Kurz gesagt: Man will betrogen werden, wenn es einem zupasskommt, aber man will sich auch einbilden können, die Sache wäre halb so wild. Gleichwohl leistet das Ehepaar zunächst Widerstand. Der Stolz des geizigen, also letztlich auch wieder vernünftigen Mannes ist dabei ungleich schneller zu überwinden als die Tugendhaftigkeit der Frau. Moral ist die ärgste Bastion gegen Realpolitik. Hier muss einiges aufgefahren werden, unter anderem ein „Priester“, der ihr gut zuredet.

Im Endeffekt – und hier spricht wahrlich Machiavelli, Autor des Herrscherratgebers „Der Fürst“ – hat der Diener einfach recht. Alle bekommen, was sie wollen. Ohne die Ziererei wären entsprechend auch alle rascher zum Ziel gelangt. Obwohl „Mandragola“ auch in Frankfurt auf den ersten Blick als eine typisch italienische Komödie daherkommt, legen doch die rasanten Argumentationsketten des Dieners ein anderes Tempo und Niveau vor als die sonst zentralen netten Verkleidungsspiele und üblichen Rollenzuweisungen, die Dekor bleiben.

Freier Lauf für die Logik

In Frankfurt ist beides trefflich anzuhören und anzusehen: Eine erfahrene, aber nicht ausgelaugte Truppe lässt sich auf die Späßchen ein und lässt zugleich der Logik ausgebuffter Erdenbewohner freien Lauf. Freier Lauf scheint ohnehin das Stichwort für Frank-Lorenz Engels Regie, die praktisch die Bahn frei macht. Erst denkt man vielleicht noch, das wäre etwas wenig, etwas zurückhaltend. Aber so klingt es, wenn sinnvolle Schamlosigkeit regiert.

Hans Winklers Bühnenbild vereinfacht die übliche Italienische-Gassen-Situation und befreit sie vom Pütschrigen, so dass Ulla Röhrs’ traditionelle Kostüme die Figuren wie kunterbunte Figurinen vorm schlichten Grund herumhuschen lassen.

Francesco Russo ist der ausgeschlafene Diener Siro, ein nüchterner Mensch, der das Treudoofe nur gelegentlich als Maskerade verwendet, ein Bonmot nach dem anderen in den Mund gelegt bekommt und das entsprechende Feuerwerk zügig, aber ganz unaufgeregt zündet. Er trifft den Ton. Christopher Krieg ist der verliebte Edelmann, ein sympathischer Komödiant und Verkleidungskünstler, dessen allerbeste Verkleidung immer seine völlige Offenherzigkeit ist. Der lügt am kompetentesten, der sich selbst jedes Wort glaubt.

Auf der anderen Seite wohnt der Ehemann, Peer Jäger, der keine Karikatur zeigen muss, sondern einfach ein älterer Herr sein darf, der Steuern sparen möchte. Dass der greise Hahnrei damit zur Hauptidentifikationsfigur für unsere Tage wird, fällt freundlich unter den Tisch. Iris Atzwanger ist die wunderbar individuell wirkende Zofe, die das Leben kennt und Siro zu hundert Prozent gewachsen ist, Katarina Schmidt die holde Gattin, der der glückliche Liebhaber nachher das Herzmündchen wegküsst. Natürlich geht das machiavellistische Prinzip auch deshalb so gut auf, weil keiner übermäßige Ansprüche an das Leben stellt.

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