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Mainz Oper "Perelà" Lob und Preis der Substanzlosigkeit

Die Deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins Oper „Perelà“ ist am Staatstheater Mainz ein echter Coup.

Perelà, auch der komplizierten Königin gegenüber um Höflichkeit bemüht in der Mainzer Aufführung der Oper. Foto: Andreas Etter

Perelà“, die vierte Oper des Franzosen Pascal Dusapin, Jahrgang 1955, ist das ausgeklügelte Produkt einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Stoff: einem Roman des Italieners Aldo Palazzeschi von 1911. Die Handlung dreht sich um die kurze Existenz eines „Menschen aus Rauch“, welcher sich eingangs in einem Schornstein materialisiert, sodann am Hofe Sensation macht, schließlich mit dem Gesetz in Konflikt gerät – nach einer Selbstverbrennung im fatalen Wunsch, ihm gleich zu werden – und sich wieder auflöst.

Die Musik ist weitgehend sozusagen berechnend um eine kurze Tonfolge herumgebaut, mit Wiedererkennungsgelegenheiten, dabei raffiniert die kontrastreichen Situationen aufgreifend. Die mysteriöse Herkunft des Rauchmenschen etwa im langen Eingangston, der buchstäblich in Bewegung gesetzt wird, horizontal und vertikal, ein Wabern und Werden. Das melancholische, aber nicht depressive Dasein als unfassbar leichtes Wesen mit federleichtem Tenor gerät in einen tollen Gegensatz zum grellen Hofleben, wo Xylophon, Dame und Papagei in Ekstase und Rage geraten. Alles bleibt immens dicht am Text, den Dusapin selbst aus dem offenbar zwischen Symbolismus und schönster Ironie schweifenden Buch destilliert hat, klassisches Musiktheater. Das Instrumentarium ist unbescheiden, ein großes Opernorchester, dem einiges abverlangt wird.

Das Ergebnis erschließt sich dagegen ganz unmittelbar, sowohl sinnlich als auch intellektuell. Das wurde hoffentlich schon 2003 in Paris deutlich, ganz enorm und gewitzt jetzt jedenfalls in der bei Opernhäusern weit weniger geliebten Zweitaufführung am Staatstheater Mainz. Hier legten Regisseurin Lydia Steier und Dirigent Hermann Bäumer uraufführungswürdig nach – mithilfe eines scharf geforderten Großopernensembles, eines quicklebendigen Chores und eines die luzide Musik wunderbar ausbreitenden, auffächernden Orchesters. So wie Dusapin sich klanglich elegant und sorgfältig am Wort entlangbewegt, so sucht und findet Steier eine vollkommene Bilderwelt für eine Geschichte, die mit so viel Substanz sich dem Lob der Substanzlosigkeit widmet.

Einblicke aller Arten

Flurin Borg Madsen hat dafür eine steile weiße Treppe bauen lassen, die, aufgeklappt oder gedreht, Einblicke aller Arten ermöglicht und dazu die erforderlichen flinken Szenenwechsel für Dusapins zehn Kapitel.

Die Kostüme hat Gianluca Falaschi aus der Commedia dell’arte generiert, grell und liebevoll jeden einzelnen Choristen ausstattend. Da Steier aber auch für jeden einzelnen Choristen Spielanweisungen zu haben scheint, läuft das eben genau nicht auf Ausstattungstheater hinaus, sondern auf eine grandiose Lebendigkeit.

Zuerst aber ist die Welt noch blau und leer und schlupft Perelà aus einem großen Kamin. Peter Tantsits ist nackt, dass es klackt, und er bewegt sich dermaßen gut, dass man glauben könnte, ein Tänzer hätte den Anfang übernommen. Choreographisch ist es jedenfalls, wie Steier ihn sich selbst und die Welt entdecken lässt. Und bald wird er singen, mit schlankem, beweglichen Tenor, seinem Körper entsprechend, und bald wird er sich eine Spur genieren für seinen Körper, den er zunächst mit vorgefundenen Gestiefelter-Kater-Stiefeln am Boden halten kann. Seine ersten Bekannten halten ihm ein Hütchen vor, bis er endlich eine Hose bekommt. Nacktheit auf der Bühne, selten wird sie so zielführend eingesetzt.

Spitznasig, absurd, unterhaltsam

Die Gesellschaft ist spitznasig, absurd, unterhaltsam, oberflächlich. Die Teetassen am Hofe sind teetassenförmige Pappscheiben. Perelà wundert sich (wie wir, denn er ist der Normale), dann rührt er höflich mit. Steier hat eine Unzahl solcher Augenblicke zur Hand, um zum großen Ganzen die Details zu schaffen, die es erst groß machen.

Als groteskes Trio etwa treten Bankier, Philosoph und Erzbischof auf, Heikki Kilpeläinen, Georg Lickleder und Alin-Ionut Deleanu, gerne lässt sich der Philosoph vom Bankier an der Leine führen. Als Donna-Elvira-hafte Diva wirft sich die eben noch so blasierte, nun Knall auf Fall in Perelà verliebte Marquise di Bellonda, die stimmmächtige Geneviève King, in die Handlung. Steier stellt ihr ein stummes, ernstes, über die langatmigen Ausbrüche der Mutter nurmehr seufzendes Töchterlein an die Seite, auch das genial ausgeführt. Als anklagende Tochter des selbstverbrannten Höflings wiederum hat Marie Christine Haase keinen Namen, aber eine dermaßen hysterisch hohe Partie, dass die Grenzen des Menschenmöglichen im Grunde überschritten werden. Das verbrannte Ärmchen des als Aschelappen auf der Treppe ausgebreiteten Vaters hält sie stets umklammert, grausig grotesk.

Perelà geht, wie er gekommen ist. Die Musik verschwindet mit ihm. Das Publikum jubelt. Dusapin, bei der Premiere anwesend, bringt im März seine neue Oper „Penthesilea“ in Brüssel heraus. Dem Mainzer Premierenerfolg, wie er neuen Opern nicht oft gegeben ist, folgt hoffentlich ein rasenderer Besuch als am Samstag. Dieser Abend, ganz normale gut zweieinhalb Stunden mit Pause, ist ein Coup.

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