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Mainz "Nathan der Weise" Die Vernünftigen

Ein minimalistischer, gelassener „Nathan der Weise“ am Mainzer Staatstheater, inszeniert von K. D. Schmidt auf hartem Grund.

Lessingsche Schachzüge: Sittah, Leoni Schulz, und Saladin, Martin Herrmann. Foto: Bettina Müller

Auf harten, holprigen, rauen Grund setzt K. D. Schmidt in Mainz seine „Nathan der Weise“-Inszenierung. Es lässt sich denken an Stolpersteine (im Wortsinn auch), alte Kopfsteinpflasterungen, die nicht nur bröckeln, sondern zum Rand hin vereinzeln (Bühne: Schmidt und Christoph Hill).

Manchmal fürchtet man, die Darsteller könnten übel stürzen, manchmal humpeln sie schier, stoßen sich die Zehen. Mögen sie sich auch im übertragenen Sinn auf eher schwankendem Boden bewegen, so erzählt die schwere, schroffe Masse (hinten ist noch ein kleiner Hügel aufgehäuft) doch von Strenge, Unbeugsamkeit vielleicht.

Gotthold Ephraim Lessings „dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen“ ist ansonsten im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters ein minimalistisches Sprechtheater in gut zweieinhalb Stunden. Als ein, wenn nicht der Klassiker religiöser Toleranz schlechthin gehört der „Nathan“ in dieser Zeit des IS und der Islam-Diskussion allemal wieder aufgerufen. Schulklassen werden in dieser Inszenierung alles Wesentliche finden; natürlich, hier ins Publikum hinein gesprochen, dem Publikum erzählt, die Ringparabel.

Ein weltgewandter Nathan

Murat Yeginer ist ein weltgewandter Nathan, umgänglich, sicher auf jedem Parkett (auf Steinen), in Anzug, Hut, Weste, dunkelblauem Mantel, glänzenden Schuhen (Kostüme: Lucia Vonrhein). Gerade ist er zurück von einer erfolgreichen Handelsreise. Und erwartet die Begrüßung durch seine Recha, die er aufgezogen hat wie ein eigenes Kind. Lilith Häßles Recha ist fast noch teenagerhaft; jedenfalls schwärmt sie jetzt nicht mehr für ihren Vater, sondern für ihren Retter, ihren männlichen Engel. Sie schwärmt wie eine Pubertierende, mit Sternchen nicht nur auf der Bluse, sondern auch in den Augen.

Regisseur Schmidt stellt Lessings Figuren einerseits als Heutige, als Zeitgenossen auf die Bühne – der Regierende (Saladin) hat Geldsorgen, der Firmenboss (Nathan) nichts gegen Einfluss. Er macht sie andererseits, dem Prinzip des Ideendramas treu bleibend, zu Prototypen, enthebt sie im Verbund mit Kostümbildnerin Vonrhein einer bestimmten Zeit. Es gibt kurze Videopassagen, nur Gesichter sind zu sehen, so nah, dass man die Darsteller kaum erkennt. Wir sind allesamt Menschen, scheinen sie zu sagen.

Nur sparsam gehen mit diesen Lessingschen Menschen die Gefühle durch. Man merkt zwar gewiss, dass Recha und der Tempelherr, Rüdiger Hauffe, sich lieben, aber auch sie werden noch einen Schritt zurücktreten müssen, ernüchtert, wenn sie sich als Geschwister entpuppen.

Nur den Patriarchen (Armin Dillenberger) stellt Lessing, setzt Schmidt außerhalb dieser im Großen und Ganzen vernünftigen, gemäßigten Gesellschaft in den Zuschauerraum, neben eine kleine bunte Marienfigur, vor eine Kamera, die den an die Rückwand projizierten Mund ein Todesurteil aussprechen lässt gegen Nathan. Besser, dekretiert der Kirchenmann, das Baby würde gar nicht geliebt und aufgezogen – denn als Jüdin aufgezogen. Dass sein Urteil folgenlos bleibt, kann man beinah als Märchen bezeichnen.

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