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Maifestspiele Schatten der Vergangenheit

„Tod eines Handlungsreisenden“ und „Glückliche Tage“ aus Berlin bei den Wiesbadener Maifestspielen.

Zwei Klassiker aus dem englischsprachigen Raum gehörten zu den großen Theatergastauftritten bei den Wiesbadener Maifestspielen. Aus dem Deutschen Theater Berlin reisten Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ und Samuel Becketts „Glückliche Tage“ an, nicht nur klassische Texte, sondern auch klassisch inszeniert: stilsicheres Schauspielertheater, dabei gewissermaßen einen Schritt zurücktretend hinter die Wucht des Geschehens.

Das war vor allem auffällig in Bastian Krafts „Handlungsreisendem“ vom März 2017, der im Großen Haus geradezu ein Stück vom Publikum wegzuweichen schien. Die Drehbühne wurde gebraucht, so dass man nicht einfach ein Stück nach vorne konnte, auch kamen keine Mikrofone zum Einsatz, so dass Textverständlichkeit und Sichtbarkeit ein Thema waren. Zugleich passte die Entfernung zu Krafts Vorgehen, der Millers Text auf anderthalb Stunden gekürzt hatte und dekorfrei und praktisch ohne äußere Stütze die Figuren ganz einsam und für sich sprechen ließ. Ben Baurs Bühne besteht vor allem aus einer riesigen gerundeten Leinwand, auf der sich immer wieder die riesigen Schatten der Vergangenheit (raffinierte Videos: Stefan Bischoff) tummeln. Die Frage, ob man das inhaltlich ohne weiteres nachvollziehen konnte, erübrigt sich vielleicht bei einem so bekannten Stück, aber wirklich nur vielleicht. Kraft will den Details und Wiederholungen – aus denen das Leben freilich besteht, zumal wenn es dermaßen übel auf der Stelle tritt – jedenfalls nicht zu viel Raum geben. Die Zurückhaltung passte zu Ulrich Matthes’ Spiel, minimalistisch und ohne Spuren von möglicher Sentimentalität. Dass das die Figur eines Untergehenden umso herzzerreißender macht, muss kaum erwähnt werden. Jedenfalls war es so.

Um Matthes herum herrschten in Wiesbaden eher Solidität und Konzentration, wie Krafts Regie es offenbar auch vorsieht. Die eingesprungene Judith Hofmann als Linda Loman führte vor, was Schauspielerinnen mehr oder minder ad hoc leisten können, aber sie wirkte nicht zuletzt verwirrend jung (obwohl das übrigens beim Jahrgang 1967 mit Blick auf die Lebensdaten und das Alter der Loman-Söhne nicht stimmt, ein interessanter Fall von Sehgewohnheit und falschen Erwartungen).

Auch Christian Schwochows Beckett, ebenfalls ein gutes Jahr alt, suchte nicht das Spektakuläre, sondern widmete sich und den Text der Akteurin Dagmar Manzel. Die einer Winnie alle Abgebrühtheit und allen Witz mitgab, den sie nur haben kann. Sie saß – im Kleinen Haus des Staatstheaters – auf einem Stuhl vor einer verspiegelten Wand. Wenn Becketts Winnie nachher bis zum Hals im Erdhügel steckt, guckt bei Manzel der Kopf aus einer Art Sack. Auch war sie in Wiesbaden durchaus Berlinerin. Sie vermied den überbordenden Winnie-Optimismus, gab dem Glück der glücklichen Tage eine Portion Illusionslosigkeit mit. Dafür war sie irgendwie – gemütlich, entspannt. Der Mensch, der das Schlimmste eh schon hinter sich hat. Als Willie fiel ins Bild und robbte über die Bühne Jörg Pose.

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