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Maifestspiele Kunst, Gefahr und Alltag

„He who falls“, eine fast zirkusreife Performance in Wiesbaden.

He Who Falls
Stark und schnell müssen sie sein: „He who falls / Celui qui tombe“ bei den Maifestspielen in Wiesbaden. Foto: Centre chorégraphique national d (Extern)

Ist das nicht doch gefährlich? Die riesige Wippe, die über die Bühne wogt und an Köpfe und Schultern stupsen könnte, und die Mitspielenden tun auch so, als würden sie weggeschleudert von dem großen Brett, das sonst die Welt bedeutet. Heute aber hängt es selbst an den Seilen, die immer wieder unterschiedlich angebracht werden. Das große Brett, knirschend, in sich ein bisschen beweglich, rotiert (linksdrehend, rechtsdrehend, selbst beim Zuschauen wird man ganz konfus) oder schaukelt oder stellt sich hochkant (wird von weitgehend unsichtbaren Helfern hochkant gestellt). Umso länger man also dabei zuguckt, wie drei Performerinnen und zwei Performer des Centre choréographique national de Grenoble auf dem Brett balancieren, an ihm hängen, auf ihm herunterrutschen, vor ihm ausweichen, sich ihm entgegenstemmen; umso länger „He who falls“ andauert, desto offensichtlicher wird, was für ein ausgeklügeltes, perfekt vorbereitetes Zirkuskunststück die fünf hier aufführen. Sonst sind sie zu sechst, ein Kollege hat sich verletzt, wie der Programmzettel informiert. Ja, das ist schon gefährlich.

Wenig aber kann dabei dem Zufall überlassen werden, zu dick das Brett, zu unnachgiebig seine aus der Entfernung gar nicht so rasant wirkende Bewegung, die das kleine Grüppchen gleichwohl beinhart unter die Gesetze der Erdanziehung und Fliehkraft stellt. Bewegungskünstler, die – ob sie tanzen oder als Zirkusartisten arbeiten – genau diese Kräfte sonst doch überlisten möchten, setzt das einer ungewöhnlichen Situation aus. Mit Widerstand und geschmeidiger Nachgiebigkeit, mit Sinn für kleine Späße, aber auch mit Sinn für das Existenzielle ihrer Lage stellen sie sich. Yoann Bourgeois, seinerseits Akrobat, Jongleur und Tänzer, hat sich das 2014 ausgedacht. Bei den zu Ende gehenden Maifestspielen am Staatstheater Wiesbaden war „Celui qui tombe / He who falls“ jetzt noch einmal ein immenser Reiz, ein stilles, wie gedrosseltes, verlangsamtes, aber doch unleugbares Spektakel.

Natürlich ist die einstündige Performance keine Zirkusvorstellung. Sie spielt manchmal ein bisschen Zirkusvorstellung, dann leistet sie sich Leerlauf – und spielt Kunst, könnte man sagen – und gönnt den Darstellenden auch Erholungspausen. Sie ist manchmal auch einfach fade wie der Alltag, bevor wieder etwas passiert. Dann strotzt sie vor Ideen, lässt die Nummer zu Sinatras „My Way“ anschließend ein Stück rückwärts laufen (in jeder Hinsicht). Manchmal scheint es den Akteuren überlassen zu sein, wann wer aufgibt, wie lange die letzte Performerin noch über die Körper springt, während das Brett sich dreht und dreht. Wie lange sie es aushält, sich als letzte noch am Rand der Platte festzuhalten. Es gibt eine Stelle, an der Vorsicht und Geschicklichkeit kein gutes Ende nehmen, auch wenn Yoann Bourgeois keine große Geschichte erzählen will.

Musik weht gelegentlich umher, auch die „Casta Diva“-Arie aus „Norma“. Das ist schön und beruhigend, denn selten ist der Mensch im Theater so winzig.

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