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Maifestspiele Die Würde der Klappmaul-Puppe

Nikolaus Habjans Puppen-Geschichtsstunde „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ bei den Maifestspielen.

Es ist schwer zu entscheiden, auf wen man den Fokus legen soll bei der Würdigung dieses Abends. Auf den Spieler oder den Gespielten. Zu trennen sind sie ohnehin schwer. Sie stecken ja quasi ineinander.

Beide sind sie Österreicher: Nikolaus Habjan, Jahrgang 1987, ist Regisseur, Puppenspieler sowie Kunstpfeifer. Friedrich Zawrel, Jahrgang 1929, war Überlebender des Kinder-Euthanasie-Programms während der Zeit des Nationalsozialismus. Wenige Jahre vor Zawrels Tod kreuzten sich ihre Wege, was dazu führte, dass Habjan Zawrels beklemmende Geschichte auf die Bühne brachte, in der Regie von Simon Meusburger. Die Produktion „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“, die 2012 am Schubert-Theater in Wien Premiere hatte und sich den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Beste Off-Produktion verdiente, war jetzt zu Gast bei den Maifestspielen in Wiesbaden. Ganz unbekannt ist Habjan im Rhein-Main-Gebiet nicht: 2010 war er am Staatstheater Mainz als Puppenspieltrainer für die Oper „Die verkaufte Braut“ im Einsatz, im vergangenen Herbst hatte er einen eindrucksvollen Auftritt in einem Franz-Schubert-Programm in der Alten Oper. Doch welche Kraft sein Puppenspiel hat, welche Tiefe, Würde, Pointiertheit und Virtuosität ist immer wieder neu und verblüffend.

Ein Tisch, zwei Stühle nebeneinander. Auf einem sitzt Nikolaus Habjan, rechts neben ihm die lebensgroße Klappmaul-Puppe von Friedrich Zawrel. Sie ist nicht naturalistisch, eher eine knautschige Variante der Muppets-Show-Nörgler Waldorf und Statler. Aber dieser Zawrel nörgelt nicht, jammert nicht, obwohl seine Geschichte ein unermessliches Jammertal ist. Er erzählt schlagfertig, vital – Habjan spricht, bewegt dazu die Puppe atemberaubend organisch, bewegend menschlich. Zawrel und Habjan interagieren auch. Und ganz sanft legt der Spieler die linke Hand auf Zawrels Kopf, fixiert ihn, damit die rechte aus dem Kopf herausschlüpfen kann. Mit der Puppe war Habjan auch Trauerredner bei Zawrels Beerdigung 2015.

Dessen Geschichte: Bühnenreif in jeder Hinsicht. 1975 trifft Zawrel in einer Untersuchungshaft auf jenen Heinrich Gross, unter dessen Versuchen er einst als ein erbbiologisch und sozial minderwertig eingestuftes Kind litt, und der mittlerweile der meistbeschäftigte Gerichtspsychiater Österreichs geworden war. Ehrenkreuz-Träger, Hirnforscher, den niemand fragte, woher er seine Kinderhirne hatte. Gross stellt seinem ehemaligen Opfer ein negatives Gutachten aus, empfiehlt Sicherungsverfahrung. Nachlesen kann man die Geschichte ausführlich auf Wikipedia. Nacherleben kann man sie leider nicht mehr bei den Maifestspielen, das Gastspiel von Nikolaus Habjan und der Zawrel- und Gross-Puppen war ein einmaliges.

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