Lade Inhalte...

Madrid „Das Liebesverbot“ Wagner im Süden

Das vielgeschmähte Frühwerk „Das Liebesverbot“ von Richard Wagner glückt am Teatro Real in Madrid.

Die Frau im Mond: Sopranistin Maria Miró als Mariana im Madrider "Liebesverbot". Foto: dpa

So beginnt keine Wagner-Oper: mit Schellentrommel, Triangel und Kastagnetten auf schnellstem Wege in den Süden. Das muss ein Scherz sein. Das findet Wagner selber auch. Während das von Ivor Bolton geleitete Orchester die Ouvertüre vorantreibt, blinzelt der Komponist überlebensgroß von der Bühne ins Publikum. Sein wie von Loriot animiertes Porträt wackelt mit dem Kopf, hebt die Augenbrauen und spitzt die Lippen zum Mitpfeifen. Als wolle es zu verstehen geben: So unbekümmert war ich mal!

Unbekümmert ist an diesem Abend jedenfalls Kasper Holten, der dänische Regisseur vom Londoner Royal Opera House, der Richard Wagners „Liebesverbot“ imMadrider Teatro Real auf die Bühne gebracht hat, leicht, albern, burlesk. „Das Liebesverbot“ ist ein Frühwerk des Leipziger Komponisten, mit 21 Jahren schrieb er es, die Uraufführung in Magdeburg war eine Katastrophe, und fortan wollte Wagner nichts mehr davon wissen. Womit er sich selber Unrecht tat.

Donizetti, Bellini, Rossini

Im „Liebesverbot“ klingt Wagner nicht nach Wagner, sondern nach Donizetti, Bellini oder Rossini, weswegen er selbst und viele Kritiker das Werk für ein minderes hielten. Was aber den unbefangenen Zuhörer nicht kümmern muss. Und Holten sorgt mit seiner Inszenierung dafür, dass die Oper als glückliches Gesamtspektakel funktioniert. Wagner ließ sich in seinem Libretto von Shakespeares „Maß für Maß“ inspirieren, und sich von Shakespeare inspirieren lassen heißt: bis heute aktuell bleiben.

Wir schauen dem nie zu Ende gekämpften Kampf um die Freiheit zu. Friedrich, königlicher Statthalter aus Deutschland (in Madrid von Christopher Maltman gesungen), versucht in Palermo „gute Sitten“ durchzusetzen: keinen Karneval, keinen Alkohol und vor allem keinen Sex vor der Ehe. Die Todesstrafe droht. Aber in Wirklichkeit ist Friedrich wie alle Moraltyrannen ein Professor Unrat, der bei erster Gelegenheit selbst der Versuchung erliegt. Und weil hier eine Komödie aufgeführt wird, geht alles gut aus: Das Volk erhebt sich und feiert ohne jede Rachsucht das Leben.

Es ist eine optimistische Geschichte aus vordemokratischen Zeiten, als noch alle Übel von böswilligen Herrschern auszugehen schienen, die sich über die braven Leute erhoben. Zu ernst darf man diese Konstellation nicht nehmen, heute noch weniger als im 19. Jahrhundert, und so tut Regisseur Holten gut daran, die Oper als Farce zu erzählen. Friedrich befriedigt sich mit Teddybären, eine Novizin isst zur Beruhigung der Nerven Kartoffelchips, ein Geschwisterpaar singt sich per Mobiltelefon Arien zu.

Orchester und Sänger machen den Spaß mit sicht- und hörbarem Vergnügen mit. So auf die Bühne gebracht mag Wagners italienische Jugendsünde ein langes Leben vor sich haben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum