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Leos Janácek Reinlich und tödlich

Leos Janáceks„Jenufa“ glückt szenisch, musikalisch und bilingual am Staatstheater Darmstadt.

Theater Darmstadt
Jenufa Foto: Martin Sigmund

Keiner hat das Prosaische der Musik so wörtlich genommen wie Leos Janácek, dem sich alles klanglich erschlossen hat über die Sprache. Genauer: die Sprechmelodie, mit ihren affektiven und farblichen Dimensionen, ihren Rhythmen und Sequenzierungen, Pausen und ihrer freiwilligen und unfreiwilligen Dramaturgie. Da ist es schon mutig, die Opern des 1928 verstorbenen Komponisten auf Deutsch singen zu lassen, wie man es jetzt als Projekt der Janácek-Inszenierungen am Staatstheater Darmstadt praktiziert. Aber, so Intendant Karsten Wiegand, das eigentlich klamggestisch grundlegende Tschechische beherrsche kaum ein nicht-muttersprachlicher Sänger und das ständige Kopfheben zu den Übertiteln sei bei Janácek-Libretti, wo Satz für Satz weiter, und nicht wie sonst oft minutenlang wiederholend, gesungen wird, eine Störung der ästhetischen Erfahrung.

Zur Neu-Inszenierung der 1903 beendeten „Jenufa“ machte Krankheit diesem Ansatz einen Strich durch die Rechnung: Der Ersatz, der für die zentrale Rolle der Küsterin Buryja kurzfristig zu finden war, kann diese Partie nur auf Tschechisch. Immerhin ist Iris Vermillion eine ausgewiesene und stimmlich markante Küsterin, was reizvolle Janácek-Bilingualität zur Folge hatte und die Sprache der Kindsmöderin Buryja zusätzlich als Stigma wunderbar funktionieren ließ. Buryja, die aus Angst vor Schande das Kind ihrer Stieftochter Jenufa, zu dem sich der Kindsvater Steva angesichts seiner durch seinen eifersüchtigen Stiefbruder Laca im Gesicht verstümmelten einstigen Geliebten nicht mehr bekennen möchte, ertränkt. Eine zweistündige, in allen Belangen stiefliche Interaktion verstrickter Kreaturen, die in ihren emotionalen Grenzen agieren. Und aus denen sie im Offenbarwerden ihrer Schuld dank der Verzeihensfähigkeit Jenufas zuletzt mühsam herausfinden – Verletzte, die neu anfangen.

Bis dahin hatte Regisseur Dirk Schmeding ein genau kalibriertes Szenarium entwickelt in statischer, eng begrenzter Bühnenfläche, das am zwingendsten im zweiten Akt wirkte. Hier, bei der Küsterin zu Hause, wo sich das Schicksal zwischen Siefmutter und -tochter samt Säugling und mit Besuch der beiden Siefsöhne fokussiert zeigt, ist die gesamte Fläche eine weiße, zerwühlte Bettenlandschaft. Chaos, Suche nach Sauberkeit, aber auch Leichentuch-Starre im Verein mit einem Zuber, in dem sowohl ständig gewaschen, dann aber auch das Kind getötet wird.

Konzentriert auf diese Klausur in Schuld- und Schamgefühlen, in Rachewünschen und Ausreden ist das der Höhepunkt einer insgesamt sehr gefassten Inszenierung, die am Ende unnötigerweise grellere, zur Ablenkung tendierende Effekte sucht.

Musikalisch stellt dieser Abend von den ersten tickenden Intonationen bis zu den letzten Akkordballungen ein nahezu berstendes Geschehen dar. Was das Orchester unter der wahrhaft ausladenden und austeilenden Leitung Will Humburgs zu Wege bringt, ist phänomenal. Humburg hat den sperrigen rhetorischen Duktus der Musik mit ihren jagenden, bohrenden, dann sich momentan lösenden Elementen auf eine selten so plastisch erlebbare Art herausgearbeitet. Hörbar werden alle Facetten konvulsivischer, vegetativer und auch kommentierender Qualität. Wenn der Begriff der musikalischen Kraft irgendwo gilt, dann bei solcher klanglichen Ansprechbarkeit.

Die menschlichen Stimmen sind darein gewobene Linien wie Leuchtfäden. Zentral natürlich bei den beiden Heldinnen, die von Katharina Persicke und Iris Vermillion strahlend in Souveränität und Beklommenheit gesungen werden. Stimmstarke Pendants waren die beiden Stiefbrüder, gesungen von Marco Jentzsch und Mickael Spadaccini. Trefflich alle kleineren Partien. Ebenso der Chor.

Staatstheater Darmstadt: 11., 17. März, 9., 28. April. Die März-Termine noch mit Iris Vermillion, anschließend singt Katrin Gerstenberger die Küsterin.www.staatstheater-darmstadt.de

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