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Leander Haußmann Wehe, ihr gähnt

Ein Gespräch mit dem Theaterregisseur Leander Haußmann über seine Rückkehr an die Berliner Volksbühne und warum er keine Angst hätte, das Haus zu leiten.

Leander Haußmann
„Ich bin so etwas wie ein Kuschelkissen für Castorf“, sagt Leander Haußmann. Foto: dpa

Herr Haußmann, es heißt immer, dass keiner sich trauen würde, nach Frank Castorf die Volksbühne zu übernehmen. Gilt das auch für Sie?
Ich würde mich trauen. Klar, Frank Castorf hat das Theater lange und fantastisch geleitet. Der Wechsel, wie auch immer der nun war, hat das Haus noch einmal zu einer exorbitanten Energie gebracht. Die Leute haben sich noch einmal bekannt zu dem, was sie gemacht haben, zu dem, was sie lieben und wollen. Und dafür hat Frank nun seinen Platz in der Geschichte des deutschen und europäischen Theaters. Das ist unbestritten, ich sage es ungern und mit Neid. Deswegen muss man aber nicht gleich hysterisch werden. Also natürlich würde ich mich trauen, aber ich mach’ es nicht.

Ist die Volksbühne vielleicht gar kein besonderes Theater?
Es ist ein bestimmtes Theater. Es steht an einem Ort, der es definiert. Das ist Mitte, Prenzlauer Berg, ein zentraler, linker Ort, der einmal in Ost-Berlin gelegen hat. Das ist der politische, identifikatorische Aspekt. Aber am Ende ist es ein Theater und keine Jugendherberge für Laien, die irgendwelche Workshops machen, es ist auch kein Ort für die freie Szene, denn die freie Szene, das sagt schon der Name, ist frei und hat nichts in den staatlich geförderten Institutionen verloren.

Was, wenn die Kulturpolitik gar nicht dilettantisch gehandelt hat, sondern die Ensemble-Strukturen auflösen wollte? Vielleicht braucht die Stadt die Volksbühne als Theater gar nicht mehr.
Wenn es so sein sollte, wandere ich aus. Dann gehe ich zurück nach Quedlinburg.

Haben Sie sich für das Berliner Ensemble interessiert?
Ich möchte an der Stelle nicht Nein sagen.

Ja aber auch nicht?
Es käme drauf an. Das Theater ist ja auch meine zweite Heimat. Ich kann an der Volksbühne oder am BE nicht vorbei gehen, ohne dass mir mein Herz hüpft. Traurig oder freudig. Aber für die Leitung dieser Häuser bin ich zu alt. Wir haben damals die Leute auch aus den Sesseln geschubst. Ich hab sehr gern regelmäßig am Berliner Ensemble gearbeitet. Schade, dass Oliver Reese seine Intendanz unter anderem auch darauf gründet, dass er die, die vor ihm da waren, verächtlich macht. Ich lebe in Berlin, und ich arbeite gern in Berlin und würde auch gern kontinuierlich an der Volksbühne arbeiten. Aber ich war mal Intendant, ich weiß, was es bedeutet, im Büro zu sitzen und Schauspieler zu empfangen, die Probleme haben. Das ist mühselig. Ich möchte auch nicht in der Welt herumfahren und irgendwo in der Provinz Talente entdecken. Wozu? Da werden doch nur Konkurrenten draus. Ich filme, ich schreibe Bücher. Ich bin sehr gern frei. Andererseits ist es ein auch Reiz, ein Theater zu leiten und einzusetzen, was man kann und weiß. Ich hätte überhaupt keine Angst. Aber, Herr Lederer, meine Antwort lautet: nein. Ich mache es nicht, und wenn Sie noch so oft anrufen.

Warum ist es so schwer, einen Intendanten zu finden oder sich überhaupt über die Funktion und Struktur dieses Kulturveranstaltungsortes zu einigen?
Natürlich hat jetzt jeder eine Meinung, das macht es leider auch zur Stunde der Dilettanten. Das erinnert mich sehr an die Wendezeit. Da haben sich auch viele ahnungslose Wichtigtuer an die runden Tische geschummelt und sind dann oft übrig geblieben. Jetzt wird nach Gremien gerufen, werden die verstaubten Mitbestimmungsmodelle hochgeholt. Aber letztlich ist es die Aufgabe und die Verantwortung des Kultursenators, er bestimmt den Intendanten. Der macht sich kundig, und dann unterschreibt er irgendwann den Vertrag. Dafür braucht man keine Konferenz in der Akademie. Die schafft nur die Bühne für Schauspieler und Funktionäre, die gern Reden halten, aber es kommt nichts dabei raus. Ich halte es für absurd, wenn ein konkurrierender Intendant mitredet, wenn es um die Volksbühne geht. Es reicht doch, dass man das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater kaum noch auseinander halten kann.

Was würden Sie dem Kultursenator raten?
Er müsste was riskieren. Es müssen nicht immer die bekannten, allseits durchgesetzten Namen sein. Die Schaubühne haben sie damals auch ein paar Dreißigjährigen überlassen, und es scheint gut zu funktionieren bis heute. Voraussetzung ist ein guter Geschäftsführer, der den Laden kontrolliert und Bescheid sagt, wenn das Geld zur Neige geht. Und wenn es dann einen gibt, der eine Idee hat und das Ensemble neu aufbaut, ist Castorf an der Volksbühne Legende: unvergessen, aber vergangen. So ist das am Theater, so war es auch, als Castorf kam und die Leute rausgeschmissen hat, soweit es nur ging. Jeder, der am Theater arbeitet, weiß das. Als Castorf kam, hat auch mein Vater Ezard Haußmann nach zwanzig Jahren das Theater verlassen müssen. Er hat es getragen wie ein Mann, und später saß Frank bei ihm im Garten.

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