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„Lady Macbeth“ Zuversicht und neues Unheil

In München ist zu sehen, was für ein Meisterwerk Schostakowitschs „Lady Macbeth“ ist.

Anja Kampe und Misha Didyk in Dmitri Schostakowitschs Meisterwerk „Lady Macbeth“.

Die Geschichte von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ ist doppelt ungeheuerlich. Es ist historisch der Fall der in der Sowjetunion zwei Jahre lang spektakulär erfolgreichen Oper eines 27-Jährigen, die, 1936 dann endlich von Stalin selbst in Augenschein genommen, in für alle Beteiligten lebensbedrohliche Ungnade fiel. Die Szene, in der der Diktator in seiner Loge eben nicht den erlösenden Zwischenapplaus einleitet, auf den alle zitternd warten – und weiß Gott nicht aus Eitelkeit zitternd –, gehört zum Wahnsinnigsten, was man sich an Zumutungen für Künstler vorstellen kann. Schostakowitsch erfährt das Urteil aus der Zeitung: Der „Prawda“-Artikel „Chaos statt Musik“ ist eine Hinrichtung. Vielleicht hat Stalin ihn selbst geschrieben, jedenfalls muss die Oper sofort untertauchen, erst komplett, dann hinter einer neuen Fassung. Erst Jahrzehnte später wurde das ursprüngliche Material rekonstruiert. Dass es bürgerlich konservative Theatergänger gibt, die die legendär gewordene stalinistische Überschrift bis heute teilen würden, gehört zu den irren Volten des Kulturlebens.

Es ist inhaltlich der Fall einer verheirateten, von ihrem Mann aber zu Tode gelangweilten (aka unbefriedigten) Frau, die einem anderen verfällt, für ihre Liebe mordet und auf dem Weg nach Sibirien die neue Buhlschaft ihres auch als Sträfling noch promiskuitiv lebenden Geliebten mit sich in den Tod reißt. Der Titel war in der zugrundeliegenden Erzählung von Nikolai Leskow offenbar noch sinnvoller. Schostakowitsch hingegen sympathisiert offen mit der unglücklichen Katerina Ismailowa. Ihrer Langeweile widmet er einen außergewöhnlichen, seufzenden, gähnenden Opernanfang, ihrem Glück einen auskomponierten Geschlechtsakt – lang und unüberhörbar –, ihrer Tragödie eine gewaltige, facettenreiche Partie, die große Sopranistinnen fordert und fördert.

An der Staatsoper in München war jetzt die farbenprächtige, so feinsinnige wie robuste Stimme der vielseitigen, auch vielfach Wagner-erprobten Anja Kampe zu hören. Sie wird von extremen Situationen nicht zu unfreiwilligen Grellheiten verführt und war hier der perfekte Mittelpunkt für Kirill Petrenkos nachher bejubeltes Dirigat: eine Filigranarbeit, die sich Schostakowitschs mit tollsten Kontrasten arbeitender „Tragödie-Satire“ im Detail hingab. Die burlesken Szenen lassen die Akkuratesse hören, die Derbheit in der Musik verlangt. Das Artifizielle noch der witzigsten, bösesten, blechblaserisch losgelassensten Volkstümlichkeit – Tanz, Suff, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die hier in eine Vergewaltigung mündet – ist immer im Spiel.

Wo immer es geht, bleibt Petrenko bei überschaubaren und die Transparenz des großen Orchesterapparats betonenden Lautstärken, umso gewaltiger der Einbruch des ultimativen Unglücks in Katerinas Leben, als sie begreift, wie ihr leichtsinniger Beau fremdgeht. Nicht die Morde, nicht die Heimsuchung durch den Geist des Schwiegervaters – einer ganz munteren Don-Giovanni-Komtur-Parodie –, nicht die Entdeckung der Leiche des Ehemanns, die Verhaftung und Verurteilung beenden Katerinas Zuversicht, sondern erst dieser letzte Betrug als Scheitern eines wagemutigen Gesamtkonzepts. Schostakowitsch schreibt es, Petrenko donnert es uns entgegen vor dem seltsamen, unendlich traurigen Schluss, Puccini-haft und -würdig in seiner musikalischen Gestalt.

Petrenkos „Lady Macbeth“ ist von gezügelter Satire, eine Art Widerschein von Satire vielleicht, wie sie die Inszenierung vermittelt, wenn ausgeflippte Choristen im Hintergrund der Bühne wie im Strawinsky-Ballett volkstanzen. Denn Harry Kupfer, der 81-jährige Regisseur, hat sich für eine großformatige, zurückhaltende Version entschieden, die klug und still Petrenko den Vortritt lässt und doch Eindruck macht.

Hans Schavernochs Bühne lässt sich auf Volkstümlichkeit schon einmal gar nicht ein, dafür zunächst auf den Sowjetzusammenhang – wobei die Handlung natürlich noch im Zarenreich spielt. Der Schauplatz ist zunächst eine unübersichtliche, nicht mehr gebrauchte Fabrik- oder Lagerhalle (schon wieder vorbei, die Zukunft). Das Lotterbett für die sensationelle Sexszene besteht zwar aus Paletten, ist aber wie von ungefähr golden beschienen (gelbe Farbreste), allemal der Blickfang im eisigen Blaugrau. Es steht auf einer Hebebühne, die zum sicheren Baumhaus ebenso werden kann wie zum Präsentierteller. Schon zur Hochzeit des Mörders und der Mörderin ist die Halle abgebaut, nurmehr Teile einer Eisenbrücke ragen in einen tiefwolkigen Himmel, der auf dem Weg ins Lager zusammen mit einem grauen Gewässer dominiert. Die Stelle, an der Katerina mit der armen dummen Sonjetka springen wird, ist bereits zu sehen. Schicksal, von dem sie selbst noch nichts weiß. Yan Tax’ dem Blaugrau angepassten Kostüme erzählen vom Arbeiter- und Arme-Leute-Leben und überlassen der Regie die Bewertung.

Kupfer formt die zum Teil episodenhaft wirkenden Szenen sorgsam aus, alles ist zu sehen, die Ekstase, das Verrecken, das Erwürgen, nichts spielt sich nach vorne, weil die Zuschauer schließlich selbst Augen im Kopf haben. Es gibt groteske Momente, den Herrn Popen betrunken quer über der Hochzeitstafel, die korrupte Polizeihorde, die auf ihren Bürostühlen gierig zum Tatort galoppiert (so betrachtet ist es eh ein Wunder, dass sich „Lady Macbeth“ in einem totalitären System eine Weile halten konnte). Grell wird es nie, allemal sind Menschen zu sehen: Selbst der stumpfe, böse Schwiegervater, Anatoli Kotscherga, ist einer, ohnehin der überforderte Sohn, Sergey Skorokhodov mit markantem Tenor sowie der leichtsinnige Liebhaber, Misha Didyk. Dass das sehr große Ensemble hinter Kampes Katerina zurückstehen muss, liegt in der Entscheidung des Komponisten. Viele kleine Edelsteine werden geboten, der Chor ist eine kompakte Pracht.

Staatsoper München: 1., 4., 8. und 11. Dezember. Die Vorstellung am 4. Dezember, 19 Uhr, wird kostenlos per Livestream im Internet übertragen. www.staatsoper.de

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