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LAB Frankfurt Wie das Herz schlägt

Ein Doppelabend im Frankfurt LAB mit Rabih Mroués „Elephant“ und einem Solo der wunderbaren Wendy Houston.

Wendy Houston
Wendy Houston lauscht ihrem Puls und hört in dieser Szene auch mal in ihren Kopf hinein - wo es Tatütata macht. Foto: Chris Nash (Extern)

Zu Rabih Mroués halbstündigem Tanzstück „Elephant“ gehört, dass die beiden Darsteller zunächst Jacken tragen, der Mann außerdem Rollkragenpullover: Ty Boomershine und Jone San Martin dürfte das Mitleid des Publikums an diesem Abend im unklimatisierten Frankfurt LAB sicher gewesen sein. Glücklicherweise geht es Regisseur Mroué nicht um Hochleistungstanz. Er hat unter Mitwirkung der beiden Mitglieder des Dance On Ensembles (ältere Tänzer, die zu Recht nicht einsehen, warum sie aufhören sollten) bewegungssprachlich sparsam – aber keineswegs dürftig – über Krieg, Vertreibung, Flucht nachgedacht. So legen sich die beiden zunächst genauso hin, wie es hinter ihnen an die Wand projizierte Zeichnungen zeigen – und es ist klar, dass die Menschen auf diesen (Bleistift-)Skizzen tot sind.

Dann sind die Tänzer Dahinhetzende und sich Duckende, als müssten sie fürchten, dass auf sie geschossen wird. Dann stoßen sie auch Laute des Schreckens aus, zittern heftig, machen Handbewegungen, als wollten sie Fliegen verscheuchen. Und sie lächeln, aber es wirkt wie das sprichwörtliche aufgesetzte Lächeln. Diese Menschen lächeln nicht, weil es ihnen gut geht.

Das LAB-Gastspiel mit dem „Elephant“-Duo und einem hinreißenden Solo der Engländerin Wendy Houston (dazu gleich mehr) fand im Rahmen des Sommerprogramms der US-amerikanischen Hollins University statt, die mit der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst kooperiert. So saßen viele hörbar sommerlich gelaunte junge Amerikaner im Publikum.

Lachen an unpassenden Stellen schien aber die erfahrungsgestählte Wendy Houston (Theaterperformerin, Tänzerin, Texterin, Eigenregisseurin seit mehr als 30 Jahren) nicht aus dem Konzept zu bringen, die in der heißen Halle so lässig wie intensiv ihr etwa 50-minütiges Solo „50 Acts“ zeigte.

Sowohl mit Theaterkonventionen setzt sie sich darin auseinander – wie höre ich am besten auf? –, als auch mit politischen Fragen, Sexismus, Altersdiskriminierung. Sie droht am Anfang einen Abend voll „violent incoherence“ an, brutaler Zusammenhanglosigkeit: Na ja, einerseits macht sie sich durch die Zählung frei von jeder Verpflichtung zu einem roten Faden, andererseits kann man durchaus rote Fädchen erkennen. Etwa das Thema Engagement und Leidenschaft für eine Sache: „Yes to marching for any cause!“

Der trockene Humor, die abrupte Kehrtwende in nüchternen Ernst, das Spiel mit Publikumserwartungen, sie sind vertraut von der englischen Theatergruppe Forced Entertainment, mit denen Houston auch schon zusammengearbeitet hat. Augenzwinkernd besteht „Act 3“ (an die Rückwand projiziert) aus „Yes yes yes“ und „Act 4“ aus „No no no“. In „Act 6“ fühlt sich Wendy Houston den Puls, man hört ein Herzklopfen dazu. In Nummer elf dreht sie sich wie ein Derwisch, bis ein Schuss fällt, sie stürzt, steht wieder auf, dreht weiter, ein Stehauffrauchen. Sie sucht nach einer „flamboyant gesture“, einer grellen Geste. Sie zerschlägt mit einem Hammer Schallplatten. Sie konfrontiert einen am Ende mit Shakespeares melancholischem Sonnett „Like as the waves make towards the pebbl’d shore“, in dem die Minuten zu ihrem Ende eilen. Sie spricht über Trauer und Vergeblichkeit.

„50 Acts“ ist, trotz Schallplattenzertrümmern, ein zartes, hintergründiges Stückchen. Einmal überlegt Houston, wie etwas so zu spielen sei, dass das Alter der Darstellerin keinen Unterschied macht. Aber es ist auch ihre schöne Abgeklärtheit, die im Verein mit einem dennoch für ihr Tun brennenden Herzen den Unterschied macht.

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