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Koreanische Theaterkunst Wohlgefälliges Murmeln

Eine lange und vertrackte Geschichte erzählen: Die koreanische Theaterkunst des Pansori war in Berlin zu hören und sehen.

Theater
Der Sänger Yun Jin-chul. Foto: Koreanisches Kulturzentrum

Eine Geschichte, ein Erzähler, ein Trommler und ein Publikum. Das ist Pansori. Fünf Stunden kann eine Aufführung dauern. Es ist eine wohl nicht nur für uns gewöhnungsbedürftige Kunst. Der Erzähler ist ein Sänger. Sein Gesang kennt Wohllaut und Krächzen. Das Überkippen der Stimme, ihr röchelndes Verschwinden und ihr auftrumpfendes Wiederauftauchen ist in langen, langen Jahren mit acht täglichen Übungsstunden pro Tag mühsam antrainiert worden.

Immer zusammen mit der Geschichte. Von denen gibt es „klassisch“ nur fünf. Am Freitag gab es auf dem Berliner Ufa-Fabrikgelände eine komplette Aufführung von „Jeokbyeokga“ (Das Lied vom roten Felsen), eine Kriegsgeschichte aus dem alten China. Ausgangspunkt ist „Die Geschichte der Drei Reiche“, ein klassischer chinesischer Roman aus dem 16. Jahrhundert, dessen Fassung aus dem 17. Jahrhundert sich bis heute in ganz Asien – übrigens auch in einer Fülle von Videospielen – großer Beliebtheit erfreut.

Der Roman erschien Anfang des Jahres in einer großen, 1752 Seiten langen Ausgabe im S. Fischer Verlag. Die koreanische Pansori-Tradition hat die chinesische Geschichte um neue Episoden erweitert. Wer mag, kann sich eine Hamburger gekürzte Aufführung aus dem Jahr 2015 auf Youtube ansehen. Es sind dieselben Künstler wie in der Ufa-Fabrik.

Geschichte und Gesang werden zusammen gelernt. Von einem Meister. Jahrelang ahmt der Schüler ihn so lange nach, bis er jede Nuance genau so macht wie sein Lehrer. Auf dieser Basis spielen dann Reaktionsfähigkeit und Improvisation eine wichtige Rolle. Der Trommler hilft den Gang der Erzählung zu rhythmisieren. Er kann den Gang der Erzählung vorantreiben und ihn anhalten.

Das Publikum macht mit. Es gibt allerdings keine Da-capo- und es gibt auch keine Buhrufe. Der Erzähler wird ermuntert, ja geradezu angefeuert. Man gibt hier seiner Begeisterung Ausdruck. Nicht laut, sondern mehr wie ein wohlgefälliges Murmeln. Mein Eindruck ist: Auch das Publikum muss tüchtig üben für seine Rolle.

In Berlin sahen und hörten wir den Sänger Yun Jin-chul und den Trommler Cho Yung-su. Natürlich weiß ich nicht, ob sie gut waren. Mir fehlen die Maßstäbe. Ich weiß nur, dass ich den Listen, mit denen dem Schurken Cao Cao das Handwerk gelegt wurde, mit wachsender Teilnahme, breiter werdendem Grinsen folgte. Es gab Momente, in denen ich gar dem Wahn erlag, Koreanisch zu verstehen, so sehr fesselte mich die Performance. Dann wieder suchte ich Halt an den Texten über der Bühne, die uns Nicht-Koreanern halfen bei der Fahrt durch den riesigen Roman und seine immer wieder neuen Wendungen.

Es gibt auch modernes Pansori. Lee Jaram, eine im Jahr 1979 geborene Pansori-Sängerin, hat Texte von Gabriel Garcia Marquez und Bertolt Brecht für Pansori-Aufführungen eingerichtet. Globalisierung ist das Wort der Stunde. Aber während ich fasziniert auf meinem harten Stuhl saß, dachte ich: Ein wenig mehr Globalisierung könnte nicht schaden. Warum probieren deutsche Theater nicht auch einmal Pansori. Natürlich ist es sinnlos, klassische Stücke aufführen zu wollen wie die Koreaner. Man müsste jungen Menschen serienweise die Stimmen brechen, um so etwas auch nur versuchen zu können.

Aber Faust I und II entdramatisiert, halb erzählt, halb gesungen mit nichts als einem Sänger-Performer und einem die Performance antreibenden Trommler. Oder Thomas Manns Josephsroman zusammengedimmt auf drei Stunden mit Action und Philosophie, Rezitativ und Arien. Ullrich Matthes könnte das großartig und wahrscheinlich noch jede Menge anderer Künstler, die mir gerade nicht einfallen.

Wir selbst müssen uns globalisieren. Wahrscheinlich wäre es gut, ich würde zwar nicht aufhören, Texte zu schreiben, aber doch anfangen andere, fremde Formen auszuprobieren. Verrückte, unverständliche Dinge, bei denen ich nicht weiß, ob sie sich nach einer halben Stunde mir dann doch ein wenig erschließen würden, so wie es mir mit Pansori erging. Es gibt weltweit neue Medien und es gibt weltweit alte Künste. Die Zukunft wird der Verbindung von beiden, die in Wahrheit Tausende sind, gehören.

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