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Komödie Frankfurt Auch gut versichert sind sie am Ende

So nimmt die Verwechslung ihren Lauf: „Der eingebildete Doktor“ in der Frankfurter Komödie.

18.12.2015 16:23
Christoph Schröder

Zunächst einmal kommt Otto Holler zur Tür hinein und beginnt loszulabern. Das ist sein Job. Er versucht, dem Dienstmädchen den Kopf zu verdrehen und macht der Tochter des Hauses eine komplett absurde Liebeserklärung. Vor allem aber weiß Otto Holler sehr bald nicht mehr, wer er ist. Genauer gesagt: Er weiß nicht, für wen man ihn hält. Aber er wittert seine Chance auf das große Geschäft.

Otto Holler (Dirk Waanders) ist eigentlich Versicherungsvertreter. Als Klinkenputzer kommt er in das Haus von Ingenieur Rudolf Müller-Hagenau (Erwin Geisler). Der wiederum aber wartet sehnsüchtig auf den berühmten Psychoanalytiker und -therapeuten Professor Eisler, der herbeigerufen wurde, um den in eine vermeintliche Depression gefallenen Sohn des Hauses zu behandeln.

So nimmt die Verwechslung ihren Lauf: Holler wird zu Eisler. Und das, obwohl er nun wirklich nicht den Hauch von Kompetenz besitzt. Dafür aber ein Höchstmaß an Spontaneität, Kreativität und, das ist das Wichtigste, Einfühlungsvermögen.

Eine scharfe Satire

Der Autor des Stücks „Der eingebildete Doktor“, das in der Frankfurter Komödie in der Inszenierung von Udo Schürmer Premiere feierte, ist nicht irgendwer: Hans Weigel war einer der einflussreichsten und umstrittensten österreichischen Theaterkritiker der Nachkriegszeit. Und noch dazu, man beachte den Titel, ein renommierter Molière-Übersetzer. „Der eingebildete Doktor“ jedenfalls, ein Stück aus den fünfziger Jahren, ist eine scharfe Satire auf die Psychoanalyse. Denn im Gegensatz zum echten Professor Eisler (Jens Hajek mit zwei bemerkenswerten Kurzauftritten) findet der falsche Arzt Holler einen wirkungsvollen Zugang zu seinen Patienten.

Die sprachlichen Müllhaufen, hinter denen der echte Analytiker sich gegenüber seinen Patienten verschanzt, werden von Otto Holler (Hut ab vor Dirk Waanders’ ungeheuer umfangreicher Textleistung) aufgegriffen und in ihrer Wiedergabe zugleich persifliert. Dass Andi, der Sohn der Familie (Nico Venjacob mit einem bemerkenswert gut einstudierten tumben Gesichtsausdruck), sein Leiden nur simuliert, weiß man schnell.

Das Problem an „Der eingebildete Doktor“ liegt weder in der Inszenierung, noch in der Leistung der Schauspieler, sondern ist sozusagen strukturell: Indem die hohlen Phrasen und geschraubten Formulierungen vom Unter- und Unbewussten, vom Über-Ich und Unter-Es persifliert werden, werden sie auch permanent reproduziert. Es wird also sehr, sehr viel geredet, und sehr viel von diesem Gerede wiederholt sich. Darin liegt zu Beginn die Komik, darum hängt das Stück im Mittelteil aber auch ein wenig pointenlos durch, um am Ende wieder Rasanz aufzunehmen, was nicht zuletzt auch an Brigitte (Carolin Freund) liegt, der Tochter des Hauses, die das Spiel durchschaut.

Die Quintessenz, dass der einfache Mann von der Straße über weit mehr soziale Kompetenz und Empathie verfügt als der prominente Gelehrte, ist hier mit erstaunlich wenig anti-intellektuellem Ressentiment aufgeladen. Vielmehr geht es um Menschen, die endlich und nach langer Zeit aufhören, aneinander vorbei zu sprechen. Die große Familienkrise als Schwank und zugleich als Chance. Am Ende sind alle auch noch gut versichert. Otto sei Dank.

Komödie Frankfurt: bis 7. Februar. www.diekomödie.de

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