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„Klotz am Bein“ Nicht ein Lüftchen

Die Kunstfertigen: Georges Feydeaus „Klotz am Bein“ am Schauspiel Frankfurt.

Theater
Max Mayer in der Klemme zwischen Katharina Linder und Friederike Ott. Foto: Thomas Aurin

Exemplarisch führt das Schauspiel Frankfurt in der letzten Premiere der Spielzeit vor, wie man irrwitzig auf Draht sein kann, sich aber dennoch nichts verbindet. In dieser Reinform ist das eine Rarität.

Mit was hätte sich das wirklich beträchtliche, hochelektrifizierte Geschehen auf der Bühne des Schauspielhauses denn verbinden sollen? Mit einem harmlosen, allerdings offen und ehrlich die Verlogenheit der oberen zehntausend vorführenden Klassiker von Georges Feydeau, „Klotz am Bein“ (1894). Ein schlapper Hübschling mit dem nicht leicht aussprechbaren Namen Fernand de Bois d’Enghien muss sich dringend um seine Finanzen kümmern. Also will er eine lukrative Partie machen, auch hat sich schon eine gefunden, denn der Name de Bois d’Enghien klingt nobel im Ohr der Nasale kompetent und vielfältig formenden Französinnen. 

Zuvor jedoch müsste er rasch noch mit seiner bisherigen Freundin Schluss machen, einer berühmten Sängerin. Allerdings verpasst er den dafür geeigneten Zeitpunkt bzw. nutzt ihn unzulänglich konsequent (denn bevor es Nacht wird, liegt er wieder droben). Ohnehin ist der geeignete Zeitpunkt mit dem Einsetzen der Handlung schon ein paar Wochen her. Heute wird der Ehevertrag unterzeichnet werden – Fernand de Bois d’Enghien denkt sich, das kann ja noch gerade hinkommen. Kommt es nun aber nicht. Es gilt im Folgenden zu verhindern, dass die Freundin die Hochzeitsanzeige in der Zeitung sieht, wobei Fernand de Bois d’Enghien noch nicht weiß, dass sie ohnehin schon als Sängerin für die kleine Feier zur Vertragsunterzeichnung engagiert ist.

Das Feydeau’sche Räderwerk der rustikalen Wirrungen setzt ein. Gezaust und gemahlen wird dabei der Verlobte & Liebhaber, der sich in einer ähnlich existenziellen, aber weniger symbolisch aufgeladenen Lage befindet wie Kleists Richter Adam, so dass man erfreut, aber nicht verblüfft ist, an dieser Stelle Max Mayer (Adam seinerzeit in Oliver Reeses Frankfurter „Zerbrochnem Krug“) wiederzusehen. Vom noch recht saloppen Auf-nachher-Verschieben bis zum Zuhalten des imaginären Schrankes, in dem sich der Missetäter verschanzt hat, durchlebt auch Fernand de Bois d’Enghien alle Phasen der Hatz, die das Schicksal für Lügner in lustigen Stücken vorsieht. Anders als bei Kleist, das muss noch einmal betont werden, bewegt sich Feydeau aber auf dem Boulevard. Man braucht Türen (und Schränke), man braucht herumeilende Darsteller in hochnervösen Zuständen. 

So dass man zunächst nicht aus dem Staunen herauskommt, warum es überhaupt nicht funktioniert, wo doch das Ensemble tut, was es kann. Und es kann viel.

Folgendes also haben sich Regisseur Roger Vontobel und Bühnenbildner Olaf Altmann für diese Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen ausgedacht, wesentlich flankiert von den Kostümen Ellen Hofmanns und der Musik / den Geräuschen, die Keith O’Brien von der ersten Reihe aus einspielt (er braucht perfekte Sicht): Die Bühne ist ein großes Viereck, begrenzt von Saiten, die vertikal und so eng und stramm gespannt sind, dass sie drei ganz futuristische (irgendwie so ein Raumfahrtmaterial) und immens hohe Wände bieten. 

Die vielgescholtene Guckkastenbühne ist insofern noch lange nicht am Ende, und wer sie betritt, zwängt sich einfach – kleiner Scherz – durch die elastischen Saiten, von O’Brien mit feinen Ploing-Lauten begleitet. Vontobel bekommt das nie satt. Jeder Auftritt, wirklich jeder Auftritt ist ein ausführliches Quetschen, Kullern, Springen, Hängenbleiben, Zurückgeschnipstwerden, ploing, ploing, ploing, ploing, ping. 

Körperlich besonders gefordert ist dabei Stefan Graf als Bediensteter sämtlicher betroffener Haushalte, der wenig Text hat und sich umso hingebungsvoller durch die Saitenwände schmeißt. Auf der Bühne nichts weiter, handlungsrelevante Blumensträuße sind handverlesen zusammengestellt, den erwähnten Schrank muss man sich vorstellen – Fernand de Bois d’Enghiens Bloßstellung wird natürlich noch grausliger dadurch –, der Rest ist Kostüm. Extravagante Muster zu Schnitten verarbeitet, die als 19. Jahrhundert durchgehen, zum Teil auch als zeitloser Partychic: Eine Augenweide. 

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