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Katastophentheater Eine Familie explodiert

Bettina Erasmys Stück „Supernova“ kommt ohne Terroristen aus. In Darmstadt explodiert die Keimzelle staatlicher Stabilität, die Familie, scheinbar von selbst.

Supernova, so heißt auch das neue Stück von Bettina Erasmy. Foto: dpa

Das Katastrophenszenario, das Bettina Erasmy in ihrem neuen Stück „Supernova“ entwirft, kommt ohne terroristische Bedrohungen von außen aus. Die Familie, Keimzelle staatlicher Stabilität, scheint von selbst auseinanderzufliegen. Am Ende geschieht das in einer derartigen Explosion, dass die Autorin das letzte, gewaltige Aufleuchten eines so genannten sterbenden Sterns als Titel wählte.

Zur Uraufführung am Darmstädter Staatstheater deutet Regisseur Hermann Schein als sein eigener Bühnenbildner eine nicht unschicke Wohnung an. Die Bewohner müssen ihren Wasserhahn irgendwann mit Ehrgeiz ausgesucht haben. Der Vater ist ein inzwischen arbeitsloser Nachrichtensprecher – er hat die schlechten Nachrichten nicht mehr ausgehalten und die Anschläge vom 11. September einfach weggelassen. Matthias Kleinert zeigt, wie er sich nun mit dem Haushalt beschäftigt. Weder er noch sein Text hampeln auf seinem Leidensdruck und seiner Suche nach Trost herum. Die Mutter ist eine heillos ausgebrannte Apothekerin, Karin Klein spielt das so plastisch, dass es den nächsten Apothekenbesuch der Zuschauer vermutlich beeinflussen wird.

Der Sohn gibt sich intellektuell verdrossen und denkt via Internet (im anonymen Chat mit seiner Mutter, der Pharmazeutin) über eine selbstgebastelte Waffe nach, was der Polizei nicht entgehen wird. Die Tochter spricht schon lange nicht mehr. Simon Köslich und Anne Hoffmann zeigen beide mit leicht unterkühlter Uneindeutigkeit. Man weiß nicht recht bei diesen jungen Leuten.

Hinter der Andeutung einer nicht unschicken Wohnung steht ein Einhorn, auf dem die ebenfalls namenlose „Frau“ lagert. Sie ist eine Prostituierte, die im Internet erfolgreich wirbt und bald auf durchaus originelle Weise in die Familie eindringt. Braucht sie Hilfe? Hilft sie den Vieren? Gibt sie ihnen den Rest? Christina Kühnreich, Schein und Erasmy lassen auch diese Rolle in der Schwebe, Kühnreich nicht zuletzt buchstäblich, indem sie ein bisschen tanzt.

Es darf gelacht und gerätselt werden, aber keine Figur ist handlich. Das ist die Stärke von „Supernova“, nicht das Durchspielen verschiedener Trostmöglichkeiten oder die etwas routiniert wirkende Kritik an alten und neuen Medien. Dass Hermann Schein am Ende mit der entsprechenden Bebilderung das Angebot macht, die familiäre Supernova als Spiegel des 11. September zu nehmen, ist schon zu viel Erklärung.

Staatstheater Darmstadt: 24., 30. November, 11., 16. Dezember. www.staatstheater-darmstadt.de

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