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Karlsruhe „Macbeth“ Was macht Ihr da, geheimnisvolle Frauen?

Wie seltsam: Giuseppe Verdis „Macbeth“-Oper am Staatstheater Karlsruhe ist musikalisch ganz groß und szenisch ganz verknäuelt. So viel Buh hat die Inszenierung trotzdem nicht verdient.

Verdis "Macbeth" am Staatstheater Karlsruhe: Hier lädt das Ehepaar M. zur Party ein. Foto: Falk von Traubenberg

Es glänzt und schimmert in der Düsternis des Staatstheaters Karlsruhe. Hinten glimmt die Frankfurter Skyline und auch sonst so allerlei.

Vorne sind Stars aktiv. Zu ihnen gehört die Lady Macbeth von Barbara Dobrzanska, als hochdramatische Sopranistin von schlanker, eisig klirrender Makellosigkeit, als Darstellerin eine heiter souveräne, heutige Schurkin, deren psychischen Niedergang man mit Erschütterung verfolgen wird; gehört der Macbeth von Jaco Venter, ein wackerer, keineswegs unverletzlicher Mann, der sich vom Schicksal extrem bereitwillig übers Ohr hauen lässt und dazu mächtig die leicht angeraute Stimme erhebt; gehört der Chor, der in Verdis erster Shakespeare-Oper eine tragende Rolle spielt und in Karlsruhe ungemein nuanciert und kompakt singt. Zusammen mit seinem Leiter Ulrich Wagner wird er nachher zu Recht gefeiert wie ein weiterer Solist. Eine leidenschaftliche Portion italienischer Tenorspracht bietet der US-Amerikaner Jesus Garcia als Macduff.

Erfrischend und nachtschwarz

Johannes Willig leitet die Badische Staatskapelle mit leichter, akkurater Hand. Musikalisch zielt alles vollkommen erfolgreich darauf ab, das spektakulär Erfrischende und zugleich Nachtschwarze hörbar zu machen, wie es sich im „Macbeth“ dank Verdis grundlegender Überarbeitung (1865, 18 Jahre nach der Uraufführung) so einmalig zeigt: Früheres und späteres Schaffen treffen aufeinander und das Ergebnis ist nicht Stückwerk, sondern ein Geniestreich.

Zu einer dabei auf ihre Weise flotten, geradlinigen Geschichte, die sich in Karlsruhe in der Inszenierung von Holger Müller-Brandes nun aber merkwürdig verumständlicht, auf Abwege begibt. Müller-Brandes zeigte am Haus 2013 Weinbergs „Die Passagierin“ – mit Dobrzanska als Marta –, auch damals arbeitete er mit dem Ausstatter Philipp Fürhofer zusammen, der ihm eine abstrakte Umgebung schuf.

Für „Macbeth“ ist es eine schwarz glänzende Drehscheibe mit einem hohen schmalen, halbtransparenten Aufbau, der als Zwischenwand oder Gang funktioniert, je nachdem, wohin er (eine Spur unhandlich) gedreht wird. Dann schwirren Projektionen und Spiegelungen umher. Durch die Lamellen einer gebogenen schwarzen Rückwand funkeln Sterne, die sich später zu einer modernen Großstadt verdichten. Dazu passen die hier als Uniform getragenen Abendgarderoben (die Fliegen noch nicht gebunden), die recht lautstark klarstellen, dass dieser „Macbeth“ nicht im vorzeitlichen Schottland, sondern ganz hier bei uns spielt.

Daran knüpft die Inszenierung selbst aber eher lose an. Der wirklich uninteressante Teil ist ein statuarisches Rampensingen, das je nach der Fähigkeit der einzelnen Protagonisten ein bisschen aufgelockert wird. Nur beim Ehepaar Macbeth flirrt die Luft. Diese unglücklichen Menschen haben sich sehr geliebt, lieben sich noch.

Söhne und Frauen

Der interessantere Teil geht zwei Strängen nach: Stärker und auch textnäher wirkt dabei die Verfolgung des Söhne-Motivs. Einige kleine Jungen, nachher auch eine ganze Schar von ihnen tauchen ab und zu auf. Begreiflicherweise möchten sie lieber spielen, als den Erwachsenen beim Morden, Herrschen und Fürchten zuzuschauen. Man sieht unaufdringlich, aber immer wieder in Variationen, wie die Väter sie (vergeblich) zu schützen versuchen – natürlich geht es ja im „Macbeth“ darum, nicht nur den Rivalen zu töten, sondern auch seinen Nachwuchs. Man sieht aber auch, wie Macbeth, der König ohne Sohn, mit den Knaben kurz herumtollt, ein einziges Mal entspannt und fröhlich.

Dominierender, aber auch wolkiger ist die Rolle der Hexen und Frauen (hier gleichgesetzt, bei Shakespeare mitnichten). Müller-Brandes erzählt dabei eine ganz eigene Geschichte, seltsamerweise scheint es sich um eine Art Domestizierung der berufstätigen Frau zu handeln, die als Braut enden wird: Die Hexen sind geschäftsmäßig gekleidet, es ließe sich an weibliche Vorstandsmitglieder am Abend denken. Schon zu Beginn werden sie aus dem Herrenchor heraus belästigt. Bald müssen sie in blütenweißer Unterwäsche auftreten, werden ins Schaufenster gestellt (auch hierfür eignet sich der so wenig eindrückliche Gang), bekommen alle das gleiche Preisschild. Sofern es ein Preisschild ist.

Schließlich sorgt eine der Balletteinlagen für den Übergang zu einer Brautwerbung, die zunächst für die meisten der Frauen (jetzt: Tänzerinnen) ungünstig verläuft. Am Ende aber reichen die Brautkleider, selbst für alle Choristinnen. Die sich wiegenden Bräute stellen nun – grün ausgeleuchtet, gar nicht dumm – den bekanntlich sich bewegenden Wald von Birnam vor. In seinem Dickicht kann Macbeth getötet werden, ohne dass es ein großes Aufheben macht. Die Herrn in der Abendgarderobe tragen auch gar keine Waffen, und ohnehin fließt deutlich weniger Theaterblut als sonst in dieser Oper.

Gleichwohl ist es nicht nur eine Frage, ob man dem Ende von „Macbeth“ mit einer Massenhochzeit beikommen kann. Natürlich kann man das überhaupt nicht. Müller-Brandes’ Inszenierung hat den etwas maßlosen Buh-Chor nicht verdient, der sie am Ende erwartet. Aber es handelt sich um eine klassische Kopfgeburt mit anschließender Verirrung im Sinn-Gestrüpp.

Staatstheater Karlsruhe: 29. Januar (B-Premiere), 16. Februar. www.staatstheater.karlsruhe.de

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