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Kampnagel Hamburg Fahren, versammeln, verteidigen

Das Straßentheater ist zurück: Die Londoner Aktionsgruppe Laboratory of Insurrectionary Imagination recycelt den Müll der Konsumgesellschaft und widmet ihn um: Am liebsten Fahrräder

25.08.2010 17:10
Frauke Hartmann

Abends. Vor uns eine Reihe blinkender Blaulichter. Mit 200 Fahrrädern haben wir die halbe Stadt durchquert und den Verkehr lahmgelegt. Gerade haben wir die Dunkelheit schmaler Parkpfade verlassen. Richtig eng war es vor allem für das DDT (Double Double Trouble), einem aus mehreren Fahrrädern zusammengebastelten Tret-Fahrzeug mit tentakelartigen Antennen, das unsere Sendezentrale ist. Soundinstallationen des Klangkünstlers Filastine erreichen von dort aus Lautsprecher und Transistorradios auf den Gepäckträgern. Wir sind Bienen, Ameisen, Vögel und Fische, die auf vier Sound-Signale reagieren können: losfahren, anhalten, versammeln, verteidigen. Einige von uns haben ein Schwarm-Training mitgemacht, in dem uns klar wurde, wie schwer es ist, kollektive Intelligenz walten zu lassen.

Zwei Wochen haben die zehn Künstler, Techniker und Aktivisten der Londoner Aktionsgruppe Laboratory of Insurrectionary Imagination (labofii) diesen Abend vorbereitet. Das Lab recycelt in seinen Theateraktionen den Müll der Konsumgesellschaft und widmet ihn um. Am liebsten aufgegebene Fahrräder.

Erstaunlich lange dauert es, bis die Polizei uns anhält. Eine Fahrraddemo, die als spontanes Gesamtkunstwerk daherkommt. Bis dahin haben wir schon gestreift: das besetzte Gängeviertel, das gerade sein einjähriges Bestehen feierte, die geplante Trasse der Vattenfall-Pipeline, jetzt fehlen noch die Hafencity und die Elbphilharmonie. Es macht Spaß, die Straße zu beschallen, in manches verdutzte und verärgerte Autofahrergesicht zu blicken, aber auch, Passanten mit unserem Anblick, unseren Geräuschen zum Lachen zu bringen.

Im ungeschützten Raum

Eine kleine, wundersame Übung in zivilem Ungehorsam ist diese Performance namens „Flood“ von uns, dem Publikum, und den Leuten vom Lab. Ein wenig fühlt man sich zurückversetzt in Zeiten des Straßentheaters und des freien Theaters vor der Wende, als man noch lustvoll und anarchisch im Theater gesellschaftliche Utopien ausprobierte. Aber hier geschieht noch mehr. Nachdem die Spielarten des Widerstands und der Subversion längst im Stadttheater angekommen und dort verarbeitet sind, geht es heute darum, sie wieder nach draußen zu tragen, in den ungeschützten Raum. Es geht, so paradox es scheinen mag, um den Mut, politisch und nicht machtorientiert, sondern wahrhaftig zu sein. Dafür stehen Gruppen wie Rimini Protokoll mit ihren Experten des Alltags, die sie auf die Bühne holen, oder mit Schauspielern, die sie ins reale Leben einschleusen. Dafür stand die Arbeit von Christoph Schlingensief. Dafür stehen auch jene Augenblickskunstwerke, die über das Internet in Flash Mobs entstehen. Dafür steht vor allem das performative Theater des Lab, das sich auf die Suche nach kreativen Widerständen und utopischen Nischen in der globalisierten Welt macht.

Freunde und Aktivisten findet das Lab weltweit in Internetforen von Künstlern und sozialen Bewegungen. Mithilfe ihrer Ideen betreibt es Kaptalismuskritik. Zum Beispiel macht es auf Missstände wie den heimlichen Einfluss des Sponsors BP auf die Tate Gallery aufmerksam, deckt mit einer Performance die Korrumpierbarkeit von Kultur auf. Zwölf solcher Experimente gibt es inzwischen. Mit ihnen wollen die Gründer des Lab, John Jordan und Isabelle Fremeaux, den Raum zwischen Kunst und Politik erkunden. „Langfristig arbeiten wir an der Veränderung kultureller Werte“, sagen Jordan und Fremeaux. Spielerisch unterwandert das Lab die Machtverhältnisse im Kapitalismus, es fordert die Abschaffung des Publikums, seine Mittäterschaft. Das bedeutet Abschied von der Repräsentation und damit die radikalste Formulierung von Theater.

Gruppen wie das Lab sind noch eine Ausnahmeerscheinung in der Theaterlandschaft. Dass Matthias von Hartz, Leiter des Festivals, ein Händchen hat für Entdeckungen, hat er mehrfach bewiesen. Mit deutschen Erstaufführungen der amerikanischen Gruppe Nature Theatre of Oklahoma und den bildgewaltigen Theaterkompositionen des Franzosen Philippe Quesne hat er in Zusammenarbeit mit Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard dem Festival wieder internationale und nationale Bedeutung verschafft.

Als die Polizei unsere Fahrradintervention schließlich unter Begleitschutz mit Blaulicht zur Elbphilharmonie weiterfahren lässt, jubelt John Jordan: „Die machen aus uns perfektes Theater.“ Gut, dass sie nicht wissen, dass wir einen Piratensender dabei haben.

Sommerfestival Kampnagel Hamburg: bis 28. August. www.kampnagel.de

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