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Kammerspiele Damit hat er nichts zu tun

Der Banker und die Terroristen: Ayad Akhtars moralische Fragen stellender Thriller „Invisible Hand“ ist in den Kammerspielen zu sehen.

„Invisible Hand“
Wer benutzt und täuscht hier wen? Und ist die Geisel das einzige Opfer? Foto: Thomas Aurin

Der pakistanischstämmige, 1970 in New York geborene Ayad Akhtar schreibt Stücke, wie sie auch hierzulande begehrt sind: well-made plays, die aktuelle gesellschaftliche Streitfragen, politische Konflikte, kulturelle Bruchlinien in auf den Punkt kommende Dialoge und eine spannende Handlung packen. Für die Saison 2015/16 wurde Akhtars „Geächtet“ – beschrieben als islamkritische Version von „Der Gott des Gemetzels“ – in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum „besten ausländischen Stück“ gewählt.

Frankfurts neuer Intendant Anselm Weber hat nun das mit Thrillerelementen spielende „Die unsichtbare Hand“ („The Invisible Hand“, 2012) aus Bochum mitgebracht, wo er im vergangenen Jahr die deutsche Erstaufführung inszenierte: Ein US-Banker wird irgendwo in Pakistan als Geisel gehalten, mit dem Lösegeld will ein Imam Gutes tun. Natürlich ist so mancher Fehler in der eben nur scheinbar einfachen Rechnung. Mehr als die „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) ist es der Mensch, der eingreift. 

Raimund Bauers nun also in die Frankfurter Kammerspiele gebaute Bühne kombiniert das kühl-abstrakte Gedankengebäude – ein glänzender schwarzer Kasten, von neongrünen Linien in Quadrate oder auch lauter Fadenkreuze unterteilt – mit Versatzstücken eines Keller-Gefängnisraums. Einem Stück Mauer, einer Pritsche mit dünner Matratze, Blechtischchen, zwei Blechstühlen. Militärische Luftaufnahmen werden immer wieder auf die Mauer projiziert. In der Ferne summen und explodieren Drohnen. Manchmal trägt Banker Nick Bright Handschellen. Nach einem Fluchtversuch – geduldig hat er sich hinter seinem Bett durch die Mauer gekratzt – ist er angekettet. 

Es sind Geschäfte mit dem Teufel und seinem Lehrling

Akhtar erzählt die Geschichte einer Korrumpierung. Aber vielleicht gab es auch nicht mehr viel zu korrumpieren. Banker Nick – „intelligent und vital“ (Regieanweisung) – ist eigentlich die falsche Geisel, man wollte seinen Chef entführen. Da man für ihn nie und nimmer zehn Millionen erhalten wird, bietet er an, sein Lösegeld mit Börsengeschäften zu verdienen. Und außerdem den jungen Bashir, die rechte Hand von Imam Saleem, anzulernen. Der erweist sich zuletzt als erschreckend gelehriger, Tote kühl einkalkulierender  Schüler. 

Ein Quartett der Männertypen ist alles, was Ayad Akhtar für seinen Finanz-und-Terrorismus-Thriller braucht (Frauen spielen hier nicht mit). Da ist der naive Handlanger Dar, als hibbeliges Bürschchen verkörpert von Samuel Simon, ein Landei, das die Waffe trägt, aber macht, was man ihm sagt. Zuerst, was der Imam sagt, dann, was Bashir befiehlt.

Dieser ist als Kind pakistanischer Eltern in London-Hounslow aufgewachsen, rassistisch gedemütigt und darum irgendwann mit Hass im Herzen. Omar El-Saeidi, Bashir, erzählt vom Geschichtsunterricht – er interessiert sich nämlich für Geschichte, oh ja, er ist schließlich „kein Idiot“: Es ging damals um den Spanischen Bürgerkrieg, in dem sich so viele intelligente junge Männer im Kampf gegen eine Diktatur opferten. Bashir möchte, dass Nick die Parallele sieht zu jungen muslimischen Männern wie er selbst einer ist. 

Doch leicht, durchaus allzu leicht ist es für Spekulant Bright, Bashir gegen den Imam auszuspielen. Letzterer könnte ein Mann in der Zwickmühle zwischen echten Anliegen (Impfstoff für arme Kinder) und eigenen Träumen (ein Haus für sich und seine Frau) sein, doch hat Matthias Redlhammer möglicherweise nicht genug an die Hand bekommen, um ihn schillernd und undurchsichtig und zweifelnd zu machen. Gleiches gilt für Heiko Raulin als Nick Bright. Abrupte Gefühlsausbrüche sollen wohl zeigen, dass er nicht nur ein leidenschaftlicher, moralfreier Börsenzocker ist. Dass auch das nicht richtig klappt, zeigt mancher Lacher im Publikum. 

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