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Kammeroper Frankfurt Wenn du gewartet hättest, Renato

Die Kammeroper Frankfurt mit Giuseppe Verdis „Der Maskenball“ im Palmengarten.

Kammeroper Frankfurt
Der Chor beim Maskenball. Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Menschen, die über einen Rasen laufen, sind lauter als der Anfang der Ouvertüre zu Giuseppe Verdis Oper „Der Maskenball“. Der delikate musikalische Augenblick hat es nicht leicht in der Konzertmuschel des Frankfurter Palmengartens, aber das tragisch zu nennen, wäre keck gegenüber den Dramen, die den Hauptfiguren bevorstehen. Es ist nicht das erste Mal, dass der unverstellte Blick der Sommerinszenierung der Kammeroper Frankfurt dicht an das Geschehen heranführt. Und in diesem Falle überdeutlich macht, wie sehr Renato im Zentrum des Geschehens steht, nicht das Liebespaar Amelia/Riccardo, das ihn doppelt betrügt und gerade erneut im Begriff war, die unglückselige Geschichte zu beenden. Die dramaturgisch abgefeimteste Szene der Oper ist der Moment, in dem Renato begreift, dass seine Frau seinen königlichen Freund liebt, während der Chor sich lediglich darüber lustig macht, dass Gattin und Gatte quasi in flagranti ertappt wurden (Renato sollte ja nie erfahren, dass die maskierte Dame, deren Geleit ihm der König antrug, die eigene Frau ist).

Der Kern des „Maskenballs“ ist also die nicht unberechtigte, aber auf das gesamte Leben betrachtet wie immer übertriebene Eifersucht – in Renatos Fall noch weit übertriebener als beim unglücklichen Bajazzo, den Nedda mit Sicherheit als nächstes verlassen hätte. Die Schausteller-Atmosphäre aus Leoncavallos Oper schwingt im Palmengarten natürlich mit, wenn man picknickend einer Eifersuchtstragödie zuschaut.

Renato, zweite grausige Erkenntnis, bereut bereits zwanzig, nein, zwei Sekunden nach der Ermordung Riccardos seine nicht mehr rückgängig zu machende Tat. Wie üblich bei Verdi singt der praktisch bereits verstorbene Riccardo noch eine Weile weiter, es ist entsetzlich.

Aber der Reihe nach. Florian Erdl entlockt dem Kammerorchester einen gegen Rasenspaziergänger, Martinshörner und aufploppende Weinflaschen weitgehend immunen, gediegenen und humtata-freien Verdi-Klang. Mateo Vilagrasas Gemälde auf der ansonsten ökonomisch ausgestatteten Bühne von Frank Keller lassen unter anderem hinten eine stilisierte und in vielen Situationen einsetzbare Städtchenlandschaft erkennen. Links ein aufgehängter Mann, aber nicht, wie Sie jetzt denken, sondern: zum Trocknen aufgehängt. Man kann seinen Assoziationen freien Lauf lassen, aber interessanter ist es doch zuzuschauen, wie das Schicksal und die menschliche Unvernunft ihren Lauf nehmen.

So handhabt es auch Regisseur Rainer Pudenz, der keine starke Neigung zeigt, die Handlung gegen den Strich zu bürsten. Der Chor zeigt sich natürlich nicht im traditionellen höfischen Dress-Code (Kostüme: Hanna Hollmann). Pfiffig ist die Idee, die charismatische Hellseherin Ulrica, Denise Seyhan mit überzeugend tiefliegendem Mezzo, von New-Age-Jüngerinnen begleiten zu lassen, was „Zigeunerinnen“-Auftritten vorbeugt und sich über unsere esoterische Seite lustig macht. Eine reizende Aufwertung erfährt Riccardos Page Oscar, für den sich die sympathische Sopranistin Daria Kalinina offenbar am Verhalten eines Cockerspaniels orientiert hat, der außerdem Tanzstunde hatte.

Ansonsten geht es unter den Solisten klassisch opernhaft zu. Der Kammeropern-Riccardo, Lemuel Cuento, spielt weit mehr einen Tenor als einen König (und ist entsprechend als Beau gekleidet), auch singt er wie ein echter Tenor. Es fehlt an Schmelz, aber nicht an Schluchz. Ilona Nymoens Amelia hat ein hochdramatisches Timbre, allerdings in der Höhe nicht nur Intonationsschwierigkeiten. Imposant dafür der sonore, ganz sichere Bariton von Renato, Thomas Peter, der auch für die Übersetzung sorgte. Das Thema Textverständlichkeit wurde im Publikum übrigens sehr unterschiedlich bewertet, die Autorin dieser Zeilen neigt zu: Es war zum Verzweifeln.

Der Minichor tut sich in der Konzertmuschel oft schwerer als das Orchester. Diesmal war das durchgearbeitet und transparent, und zusammen mit dem fitten Orchester schien es, als könnte man der Musik auf ihr Skelett gucken und dessen feine Linien verfolgen. Ein schöner Spaß, wie die beiden hier mafiosen und auffällig unauffälligen Schurken, Tom und Samuel, Bruno Vargas und Bernd Kaiser, sich früh aus dem Chor herausmendeln: An ihrem Brummen und Quäken sollt ihr sie erkennen, aber auf der Bühne hat wie üblich keiner ein Ohr dafür. Ein zwangloser Abend für Unersättliche.

Kammeroper Frankfurt im Palmengarten: bis 12. August. www.kammeroper-frankfurt.de

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