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Jutta Lampe Die Künstlerin auf dem Seil

1. UpdateDer großen Schauspielerin Jutta Lampe zum 80. Geburtstag.

Jutta Lampe
Jutta Lampe als Andromache, 2003. Foto: imago

Als Jutta Lampe vor sieben Jahren für ihr großes schauspielerisches Lebenswerk der ruhmreiche Joana-Maria-Govin-Preis verliehen wurde, trat der Dichter und einstige Theatermacher Botho Strauß ans Pult, um sie als „Schaum- und Kopfgeburt“ zu preisen, „gleichermaßen aus Vernunft und Sinnlichkeit entsprungen“. Nie sei sie, so Strauß damals, „eine Diva gewesen, nie Publikumsschwarm oder Star – nicht einmal eine Tatort-Kommissarin“. Sie besitze eine „beständige Helligkeit der inneren und äußeren Erscheinung“ und führe ihre Figuren „aus einer vibrierenden, leicht erschütterbaren Mitte den Grenzen und Gefährdungen zu“.

Mag Strauß in seinen verbitterungssatten Abrechnungen mit dem Gegenwartstheater sonst auch an diesem vorbeifabulieren, hier ist ihm rundum zuzustimmen: Jutta Lampe gehört zu jenen Schauspielkünstlern, die dem Geist und der Seele, Kopf und Körper mit jeder Silbe und jeder Handbewegung gleichermaßen recht geben. Die sich kopfüber in alle Widersprüche stürzt und so alles ins Licht setzt, jeden Lebenswinkel ausleuchtet und deshalb alle Silben spricht, als gelte es, diesen die Kunst des Seiltanzes beizubringen. Als sei die Welt, das Theater und überhaupt alles einzig erfunden, um es vibrieren, zittern zu lassen. Aber in wie vielen verschiedenen Varianten! Jutta Lampe: Königin der Nuancen.

Sie wollte ursprünglich Tänzerin werden und wurde eine Schauspielerin, die das Tänzerische in die Sprache, ihren Gang, den Blick, die Mimik verlegt hat. Vor 15 Jahren, als ihre langjährige Kollegin während der ruhmreichen Zeit an der Schaubühne, Edith Clever, drüben am Berliner Ensemble Becketts „Glückliche Tage“ inszenierte und Lampe wie vom Text vorgesehen, in einem Erdhaufen steckte, verlegte sie das Schauspiel in ihr Gesicht, ließ die Mundwinkel einfrieren und die Augenbrauen hüpfen, lachte mit den Nasenflügeln, bibberte mit den Wimpern. Lauter winzige Zeichen, Regungen, gewandelt ins Dramatische. Das ist Jutta Lampes Kunst: Alles so aussehen und wirken zu lassen, als geschehe es unvermittelt im Spiel-Moment, obwohl doch alles bei ihr aus gründlicher Reflexion, aus klarer Haltung heraus geschieht.

Jutta Lampe ist eine kantige, sehr entschiedene, kenntliche Schauspielerin, so zart und zerbrechlich ihre Erscheinung auch ist. Dass sie sich immer als Ensemble-Spielerin begriffen hat, nie als Solistin, ist ein politisches Statement über das bloß Handwerkliche hinaus.

Fast zwanzig Jahre gehörte sie zur Schaubühnen-Truppe. Sie kam mit Peter Stein, ihrem einstigen Lebenspartner, aus Bremen nach Berlin, mit den Erfahrungen der berühmten Goethe-Stein-Inszenierung „Torquato Tasso“ im Gepäck, spielte Shakespeare, Aischylos, Tschechow, Botho Strauß, arbeitete mit Luc Bondy und Klaus Michael Grüber, spielte in Peter Zadeks letzter Inszenierung, 2009 in Zürich, und war immer wieder Protagonistin in Arbeiten eben jenes Peter Stein, von dem sie später sagte, er sei ihre „Lebensbegegnung“ gewesen: „Mit Stein saßen wir da und sprachen ganz lange über jeden Satz und was er bedeutet, was damit gesagt werden soll. Irgendwann gingen wir auf die Bühne, und Stein sagte, ruhig, sei einfach so, wie du bist.“ So sein, wie man ist, bedeutet, keinen Zweifel zu verstecken, keinen Zorn, keine Zärtlichkeit zu vertuschen. Auch das gehört zu Lampes Spiel-Kunst: eine Ehrlichkeit, die sich im bloß Authentischen nicht erschöpft.

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