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„Judas“ in Wiesbaden Tod, Verrat, Liebe

Das Staatstheater Wiesbaden skizziert recht zügig Amos Oz’ erfolgreichen Roman „Judas“. Ein Appetithappen fürs Lesen.

Judas
Sólveig Arnarsdóttir in "Judas". Foto: Karl & Monika Forster

Dass neuere Romane auf die Bühne kommen, ist nicht die Regel. Bei Bestsellern geht es etwas schneller, jetzt bei Amos Oz’ „Judas“, 2014 auf Deutsch erschienen und am Aschermittwoch in der Bühnenfassung von Regisseur Clemens Bechtel am Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt. Bechtel vertraut dem Text, der Geduld des Publikums vertraut er etwas weniger. 100 (pausenlose) Minuten sind nicht viel für eine Geschichte, die gerade davon lebt, dass sich die merkwürdigen Bewohner eines geheimnisvoll zu nennenden Hauses in Jerusalem erst nach und nach mit ihrer tragischen Geschichte zu erkennen geben. Ebenso braucht der junge Mann, der hier eines unorthodoxen Jobangebots wegen hineingerät, sich verliebt und doch niemandem und auch sich selbst nicht helfen kann, Zeit, um sich zurechtzufinden. Im Kleinen Haus hat er keine.

Maximilian Pulst als junger Schmuel Asch erzählt am Mikrofon von seinen Forschungen und Überlegungen zur Judas-Figur. Wer aufpasst, bekommt mit, dass er sein Studium soeben abbrechen musste: Die Eltern sind pleite, dass seine Freundin ihn verlassen hat, trägt zur Demoralisierung bei. Schon flattert aber die ominöse Stellenanzeige zwischen seine Aufzeichnungen.

Und schon ist er im Heim von Gerschom Wald und Atalja Abrabanel, Rainer Kühn und Sólveig Arnarsdóttir, wundert sich kurz, bekommt kurz Gelegenheit, für Atalja zu schwärmen und wird dann bald ins Bild gesetzt: Der Tod des im Unabhängigkeitskrieg ermordeten Sohnes und Mannes liegt als ewiger Schatten über dem sonderbaren Paar und nicht nur das. Schon sitzt Ataljas Vater Shealtiel, Benjamin Krämer-Jenster, als Geist an einem Tischchen und erfahren wir von seinem einstigen Versuch, den Staatsgründer David Ben-Gurion zu einer friedlichen Übereinkunft mit den Arabern zu bringen.

Der Judas-Verrat aus ehrenvoller Gesinnung – auch anhand der biblischen Figur durchgedacht – bekommt hier eine bis heute wirkungsvolle Deutung. Statisten liegen inzwischen als Soldatenleichen umher, müssen ungemein stillhalten, was ihnen ausgezeichnet gelingt, und versinnbildlichen, wie ein Krieg niemals vorbei ist, in dem ein Mensch getötet wurde, den ein anderer Mensch geliebt hat. Kein Krieg ist jemals vorbei, so lange es noch irgendeinen Überlebenden gibt. Die Bühne selbst erinnert an vernachlässigtes Gelände, zerbrochene Scheiben, grob behauene dunkle Steine, auf denen Sessel, Bücherregale, Goldfischgläser stehen. In der Luft ein Radio-Soundtrack aus Musik und großen Politikerworten (Nils Trunk).

Das Historische der Handlung (1959) spielt keine Rolle. Pulst, hinreißend in der Rolle, ist ein sympathischer junger Mann von heute, bemüht und doch durcheinander, arglos sein Lachen, so dass man sich höchstens fragt, warum so einer sich an der Judas-Gestalt abarbeitet. Gut getroffen Kühn und Arnarsdóttir, beide dabei verhalten im Spiel. Es wird viel rezitiert. Am Ende nicht mehr als ein Appetithappen für den Roman, aber ein seriöser.

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