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John Malkovich in „Just Call Me God“ All seine Mörder und Verführer

Weltpremiere in Hamburg: John Malkovich als Diktator im strapaziös schwächelnden Stück „Just Call Me God“.

John Malkovich
Der Diktator mag es zu dirigieren: John Malkovich auf der Bühne der Elbphilharmonie in einer Szene von „Just Call Me God“. Foto: Christian Charisius/dpa

So eine Geschichte kann sich nur ein sehr freundlicher Mann wie Regisseur Michael Sturminger ausdenken. Da wird ein abgesetzter Diktator in seinem unterirdischen Versteck von militärischen Suchtrupps überrascht, nicht etwa in einem Erdloch in der Wüste, nein, in seiner privaten Konzerthalle, einer Original-Replik der Elbphilharmonie, die allerdings schon fünf Jahre zuvor entstand. Natürlich ballert der Gejagte um sich, trifft aber nicht alle Eindringlinge.

Der Militär-Seelsorger und ein weiblicher „embedded journalist“ überleben. Mit denen nun hat er seinen Spaß. Es kommt zu einem Tanz auf dem Vulkan, den er leider nicht wie Gustav Gründgens im gleichnamigen Film von 1938 überleben wird – die amerikanischen Truppen sind schneller.
Abgesehen davon, dass er auch nicht annähernd das Zeug dazu hat. Auch wenn der Ehrgeiz des Regieteams aus Sturminger, dem Musiker Martin Haselböck sowie den Bühnenbildnern Renate Martin und Andreas Dornhauser erwiesenermaßen dahin geht, ein international kinotaugliches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Mit ihrer Idee, das Melodram des 19. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen, und damit klassische Musik populär zu machen, liegen sie ganz auf Linie mit Elbphilharmonie-Chef Christoph Lieben-Seutter. Ihr Erfolgsversprechen heißt nach den bereits verfilmten Musiktheaterproduktionen „The Infernal Comedy“ und „The Giacomo Variations“ jetzt zum dritten Mal: John Malkovich. Der tut, was er kann.

Steilvorlage für Sturmingers Kammerspiel „Just Call Me God“, nach einem Zitat des Diktators Idi Amin, sind praktisch alle Mörder und Verführer, die Malkovich je auf die Leinwand brachte. Ihm gegenüber müssen sich die Journalistin Caroline Thomas, gespielt von Sophie von Kessel vom Münchner Residenztheater, und die Orgel, gespielt von Haselböck, behaupten. Doch daraus will kein Abend werden. Schon der Einstieg ist verwirrend. Soldaten in Camouflage-Anzügen schleichen herein und fuchteln mit Maschinengewehren und Taschenlampen herum. Filmbilder wackeln auf zwei Leinwänden. Der Text, der anfangs als Funkspruch aus dem Off kommt, ist praktisch nicht zu verstehen.

Warum um Himmels Willen überrascht dieser Diktator die Eindringlinge im lächerlichen Kostüm einer Putzfrau mit Schwarzhaarperücke, bevor er sich in die Gala-Uniform wirft? Hat er das nötig? Warum trägt Sophie von Kessel eine Weste mit den Lettern PRESS und einen baumelnden Presse-Ausweis? Schon bald befinden wir uns in einem Hybrid aus „Charleys Tante“ und Alt-Wiener Volkstheater und müssen uns dazu die d-moll Toccata und Fuge von Bach anhören – übrigens das einzige Orgelwerk des Abends, das es an Gewalt mit einem Diktator aufnehmen könnte.

Alles weitere verpufft zu musikalischer Deko. Wagners Walkürenritt animiert die Besatzer noch kurz zu Zitaten aus „Apocalypse Now“, dann ist’s um sie geschehen. Schon bald sampelt die Orgel nur noch, was annähernd sakral erscheint und Kinogängern zumindest als Soundtrack vertraut ist. Procol Harums Engtanzhit „A Whiter Shade of Pale“, den Malkovich volltönend mitsingt, verschmilzt mit dem „Air“ von Bach oder Cesar Francks Prelude op. 18 mit Schuberts a-moll Sonate. Dank Live-Elektronik von Franz Danksagmüller können Malkovichs Stimme und die Orgel durch Übersteuerung zu hochfrequenten, tierischen Lauten werden. Doch brauchen wir dies, um zu verstehen? Hat das nicht schon Charlie Chaplin gemacht?

Hauptakteur ist die Kamera

Hauptakteur auf der Bühne ist die Kamera, die hin und hergeschoben wird, und ihre sich vervielfachenden Perspektiven. In dem trivialen Man-Frau-Duell, dass Sturminger dieser Produktion erneut zugrundegelegt hat, spielt sich zwischen Malkovich und von Kessel weder ein glaubhafter obszöner Flirt noch sonst etwas ab. Alles wirkt gestellt und aufgesagt. Wenn Caroline ihrem Peiniger die Waffe entwendet und ihm dann ausführlich in plötzlicher Verzweiflung erklärt, dass unter den Toten ihr Geliebter ist und sie nun Rache nehmen wird, fühlt man sich im Schülertheater.

Sturminger hat für seine Vision über Macht und Machtmissbrauch die historischen Vorbilder von Mobutu bis Stalin brav gelernt und entdeckt in ihm den gebildeten Komiker. Ist das nun spießig oder naiv? Oder beides?

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