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„Ich spüre etwas Missionarisches“

Sein „schwierigstes, wahnsinnigstes, nicht ratsamstes Opernprojekt“: Der Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer inszeniert in Seoul den ersten koreanischen Wagner-„Ring“.

Bühnenbild
Bühnenbildmodell. Foto: Achim Freyer

Herr Freyer, Sie haben vor ein paar Jahren einmal gesagt, Sie würden noch 20 Wagner-„Ringe“ in sich fühlen, ungefähr. Zwei haben Sie ja bereits realisiert: Einen jeweils kompletten „Ring des Nibelungen“ in Los Angeles und in Mannheim, beides noch nicht lange her. Jetzt folgt ein dritter, in Seoul. Kann es für Sie den ultimativen „Ring“ also nicht geben? Keine dauerhafte Antwort auf diese große Frage.
Das wird es im Theater nie geben, denn selbst Kunst, die sich materiell nicht mehr verändert, erfährt immer wieder neue Bedeutung und Verdichtung. Aber noch 20-mal den „Ring“, nein, das wird nichts mehr werden. Ich bin schon unruhig genug, dass ich jetzt den dritten vor mir habe. Wiederholungen sind nicht meine Sache. Zum Beispiel läuft ja seit fast 40 Jahren ein sehr schöner „Freischütz“ von mir in Stuttgart. An diese Oper würde ich mich kein zweites Mal rantrauen. Von solchen nicht alternden Produktionen gibt es eine Handvoll, die Salzburger „Zauberflöte“ zum Beispiel gehörte dazu.

2008 zogen Sie für zwei Jahre nach Los Angeles, um an der ersten „Ring“-Tetralogie für dieses US-Opernhaus zu arbeiten. Jetzt wohnt sozusagen ein Teil Koreas bei Ihnen in Berlin, Ihre Frau Esther Lee ist Koreanerin. Wie gut können Sie sich in deren Landsleute hineindenken? Wie koreanisch sind Sie selbst?
Meine Stücke und alles, was ich mache, strebt immer danach, das Urmenschliche, das Archetypische in uns zu entdecken. Theater ist eine Wanderung zu uns. Da muss es nichts Trennendes geben zwischen den Nationen. Wir haben alle das gleiche Herz, das Schmerzempfinden ist das gleiche, ebenso das schöpferische Potenzial. Es äußert sich eben nur in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Meine Stücke sollen, wenn sie bei der Premiere angekommen sind, in jedem Land wahrnehmbar und erlebbar sein. Trotzdem kann ich nicht sagen, ich könne in jedem Land der Welt Theater machen. Ich muss das Publikum schon kennen, ich brauche die Resonanz, auch den Widerstand. Zu Korea hatte ich da schon immer einen Bezug. Als Jugendlicher bin ich oft ins Ethnologische Museum gegangen und habe dort Volksmusik angehört. Da war mir die koreanische besonders aufgefallen, die Pansori-Gesänge und die Hofmusik. Darum habe ich mich auch getraut, eine Pansori-Oper zu schreiben und zu inszenieren, mit alten Instrumenten. Alle haben mich gewarnt: Das will doch heute kein Koreaner mehr hören. Zwei Dirigenten mussten ins Krankenhaus, weil sie immer wieder mit ihren modernen deutschen Instrumenten ankamen und ich sie rausschmeißen musste. Am Ende war es mit traditionellen Instrumenten ein so triumphaler Erfolg beim Publikum! Sie waren süchtig danach!

In traditionellen Pansori-Stücken breitet ein einzelner Sänger in epischer Länge eine Erzählung aus, das kann fünf oder sechs Stunden dauern. Also wie ein Wagner-Monolog etwa aus der Mitte der „Walküre“, nur noch potenziert. Die 16 Stunden „Ring“ dürften die Koreaner also nicht schrecken, oder?
Na ja, die heutige Zeit nivelliert die einzelnen Nationen dann doch so stark, dass die Koreaner mittlerweile ein so dünnes Sitzfleisch haben wie beispielsweise die Amerikaner, deren Kultur sich Korea stark angenähert hat.

Wie findet Oper in Südkorea statt? Immerhin feiert das Opernhaus von Seoul in diesem Jahr ein Jubiläum, vor 70 Jahren wurde es eröffnet. Was wird gespielt, wie wird inszeniert?
Ich bin leider ein sehr beschäftigter Mann, als Maler, als Leiter einer Galerie und Stiftung und als Theatermacher, weshalb ich wenige Opernvorstellungen besuchen kann. Aber ich habe genügend gesehen, um zu wissen, wie ist das Klima, wie ist der Atem, man riecht das ja schnell. In Korea werden die Operninszenierungen zum Beispiel meistens aus Italien eingekauft, aus Verona oder ähnlich touristisch geprägte Produktionen. Das bildet den Geschmack. Wenn da ein koreanischer Regisseur etwas dagegensetzen möchte, ist der Kraftaufwand wiederum zu groß. Und meist ist das Gegenteil damit genau so schlecht. Koreas Oper ist durchsetzt von fremden Ideen, ein fast reines Importprodukt.

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