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Hofesh Shechter "Barbarians" Harte Kante

Hofesh Shechters nervöses, furioses dreiteiliges Tanzstück „Barbarians“ in Wiesbadens Staatstheater.

Das Paar aus verschiedenen Ecken: Winifred Burnet-Smith, Bruno Guillore. Foto: Gabriele Zucca

Der in London lebende Israeli Hofesh Shechter ist einer der markantesten zeitgenössischen Choreographen. Markant im Sinne von widerständig und wild. Ohrenbetäubend und verschattet, das ist ein gewisser Trend derzeit im Tanz – es ist fast schon üblich geworden, dass an den Eingängen zu Theatersälen Ohrenstöpsel gereicht werden. Aber Shechter geht durchaus weiter, ohrenbetäubend und verschattet kann er schließlich schon lange; er fragmentiert seine Szenen zusätzlich, bricht ab, schneidet gegeneinander, so dass die Kanten hart und dissonant aneinander reiben. Sein Hauptanliegen scheint zu sein: Dass der Zuschauer sich nur ja nicht bequem einrichten kann.

Im Staatstheater Wiesbaden war Shechters Company jetzt mit dem Dreiteiler „Barbarians“ zu Gast, dessen Mittelteil, „tHE bAD“ während einer Residenz in Hessens Hauptstadt entstand. Jeweils 30 Minuten lang fetzen, grollen, kreischen „the barbarians in love“ und „tHE bAD“, am Ende steht das ebenfalls halbstündige, in fremden, faszinierenden Bewegungs-Zungen redende Duo „Two completely different angles of the same fucking thing“. Er ist ein Klotz in Lederhose und Sepplhut, sie elegant in Seidenbluse und Marlenehose. Manchmal könnte man meinen, sie sind kurz davor, sich zu schlagen. Manchmal könnte man meinen, sie sind kurz davor, sich zu lieben. Sie sind handgreiflich. Und scheu flatternd, fliehend.

Shechter, der in Israels stilprägender Batsheva Dance Company tanzte, außerdem Schlagzeug studierte (Aha!, wird mancher denken) und sich in London als Choreograph freischwamm, betreibt auch immer eine entschlossene Selbsterforschung. Ungeniert spielt er im „Barbarians“-Dreiteiler seine Stimme aus dem Off ein, lässt sich befragen, kommentiert seine Kunst. Er wird dabei auch pathetisch, er scheut dabei nicht die Peinlichkeit. Zugeständnisse an einen vermuteten Publikumsgeschmack sind seine Sache nicht. Er weiß andererseits genau, wie und wo scharfe Schnitte zu setzen sind, was eine gute Dramaturgie ausmacht.

Suchscheinwerfer-Atmosphäre eröffnet den Abend, weiß gekleidete „barbarians in love“ irren, hetzen, huschen über die Bühne, in wohlgeordneter Gruppe und abrupten Bewegungssequenzen. Eine Frauenstimme aus dem Off gibt kühle Anweisungen. Licht blendet. Oder man munkelt im Dunkeln. Wummern, Dröhnen mischen sich mit musikalischen Artigkeiten François Couperins.

Nach der Pause ist auch der zweite Teil ein Angriff auf die Sinne. In goldfarbene Bodys (Kostüme: Amanda Barrow) sind die Tänzerinnen und Tänzer nun gekleidet, sie stieben oder rennen an die Rampe, sie winden sich oder sind für einen Moment ganz volkstanz-leicht. Wieder sind die Stilbrüche rasant, lässt Shechter weder seine Akteure noch das Publikum ruhen und rasten.

Und schließlich das Weben und Werben, die dunklen Drollig- und Zappeligkeiten, auch die Innigkeit des ungleichen Duos. Der israelische Choreograph spart normalerweise an modischen Ironien. Aber hier scheint er einmal auch ironisch zu sein – ohne sich derb lustig zu machen über diese beiden. In ihrem Treiben liegt eine Beziehungswelt. Und Shechters Barbaren sind letztlich auch nur Menschen.

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