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„Hedwig and the Angry Inch“ Ein schräges Musical

„Hedwig and the Angry Inch“ auf die Brotfabrik-Bühne gebracht vom nagelneuen Off-Musical Frankfurt.

Michael Kargus
Michael Kargus als Hedwig. Foto: Agnes Wiener / Niklas Wagner

„Hedwig and the Angry Inch“ hat seit seiner New Yorker Uraufführung 1998 eine eigene Art von Siegeszug angetreten, untergründig und beharrlich. Die Älteren unter uns erinnern sich an Nigel Francis’ stimmungsvolle Auftritte im ehemaligen English Theatre in der Kaiserstraße Anfang 2009. Der Begriff des Off-Musicals ist in einem Land ohne Broadway und Westend nicht so vielsagend, aber es leuchtet ein, dass John Cameron Mitchells Geschichte einer Dragqueen, deren Geschlechtsumwandlung tragisch misslungen und deren Geschichte doppelt und dreifach schräg ist, nicht Busse voller Touristen in eigens gebaute Musical-Theater bringt.

Zumal es unabdingbar Teil der Handlung ist, dass Hedwig in einem, sagen wir es so: übersichtlichen, gerne ein bisschen abgewrackten Rahmen auftritt. Diesmal gedenkt sie der Auftritte in Biblis (strahlend, denn auch Hedwigs Witze sind manchmal ausgelaugt), im Wetterau-Kreis, in Offenbach, und jetzt ist sie in der Brotfabrik in Frankfurt angekommen, in Frankfurt-Hausen, ergänzt sie wirkungsvoll. Ordentlich, aber nicht direkt glamourös. Es ist genau richtig so.

Die „Hedwig“-Handlung, dargeboten in einer Zweipersonenshow plus Band, hat überraschenderweise eine Ostberliner Vergangenheit. Das ist heute erschütternd viel länger her als bei der Uraufführung. Hänsel wollte seinerzeit zu Hedwig werden, um unter haarsträubenden Umständen mit einem Amerikaner rüberzumachen. Das ist nicht gutgegangen, gleichwohl gelang Hedwig eine Künstlerinnenkarriere. Der Bubi, den ihre Songs großgemacht haben, lässt sie freilich sitzen und hat parallel zu Hedwigs Brotfabrik-Konzert einen Auftritt im Fußballstadion. Mit einem himmlisch altmodischen Kofferradio wird das Konzert zugeschaltet. Der Bubi, der nicht von ihr lassen konnte, ist mit auf der Bühne, eine Hosenrolle, die hier Kathrin Hanak als rührend grimmiges Rumpelstilzchen ausfüllt (die inhaltlichen Zusammenhänge erschließen sich erst nach und nach).

Hedwig selbst findet in der Premiere in Michael Kargus eine perfekte Verkörperung, einem großen muskulösen Menschen. In sein Goldilockhaar dreht er Bierdosen als Lockenwickler, denn Zartheit ist etwas Privates, das man sich nicht ansehen lässt. Hedwigs Schicksal ist zu krass, um ihm mit herkömmlicher Transvestiten-Koketterie beizukommen. Kargus zeigt unter der Regie von Thomas Helmut Heep einen normalen Menschen, der dagegen angehen muss, sich wie ein Monster zu fühlen. Er unterscheidet sich weniger stark von uns, als seine extravagante Ausstattung (von Lori Casagrande) erwarten lässt.

Es donnert und kracht dazu eine unkompliziert wirkende Rockmusik von Stephen Trask. Glücklicherweise blieb einiges unübersetzt. Die Band heißt The Angry Inch (nach dem fehlenden Stück, das Hedwig weniger vermisst, als man erwarten könnte) und wird geleitet von dem Australier Dean Wilmington, der als Neuseeländer vorgestellt wird. Späßchen liegen hier nicht umsonst am Wegesrand. Hedwigs Exaltiertheit hat aber etwas so Pragmatisches und Sich-Aufraffendes, dass es schwer fällt, ihr das Geplapper zu verübeln. Auch ist aus Redseligen häufig nicht schlau zu werden.

Die Produktion ist die Premiere des Unternehmens Off-Musical Frankfurt. Für Mitte Januar ist ein zweites Stück ankündigt, nun in der Batschkapp: „Green Day’s American Idiot“, nach dem einschlägigen Rockopern-Album.

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