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„Hass“ Landungsbrücken Frankfurt Und bitte ein bisschen mehr Türke

Linus Koenig aktualisiert in den Landungsbrücken mit Erfolg den Kassovitz-Film „Hass“.

Nuscheln, flüstern, quatschen auf der Couch: „Hass“ in den Frankfurter Landungsbrücken. Foto: Niko Neuwirth

Vor gut 20 Jahren drehte der französische Schauspieler und Regisseur Mathieu Kassovitz „La Haine“ („Hass“), einen Film über drei junge Männer in einer Vorstadt, die längst schon aufgegeben wurden und aufgegeben haben. Ein Junge, Abdel, aus ihrem Viertel wird bei einer „Kontrolle“ von Polizisten so schwer verletzt, dass er ins Koma fällt. Es kommt zu Unruhen. Vinz findet eine Polizeiwaffe und nimmt sie an sich. Wenn Abdel stirbt, will Vinz einen Polizisten töten. Abdel stirbt.

In den Frankfurter Landungsbrücken bringt Regisseur Linus Koenig „Hass“ nun auf die Bühne, in Form kurzer Szenen daraus, zwischen die er drei ziemlich lustige, ziemlich bittere Casting-Sketche stellt: Der Bewerber für die Araber-Rolle, Hadi Khanjanpour, muss als erster vorsprechen und -spielen und bekommt unter anderem zu hören, er solle „ein bisschen mehr Türke“ sein und an seine „Offenbacher Ecke“ denken. Um die Ecke sei der Wetterdienst, sagt Khanjanpour vernünftig.

Der Schwarze, Amin Biemnet Haile, soll sich an Big Mamas, Staubstürme und Regenmacher erinnern; er kommt aber aus Heidelberg. Zuletzt wird von den zwei anderen am Weißen rumgemäkelt, bei Kassovitz ein Jude namens Vinz, hier dargestellt von Jochen Döring.

Geradezu vibrierende Energie

Regisseur Koenig hat einen überschwänglichen Dank an seine Schauspieler ins Programmblatt gedruckt, man versteht bald, warum. Mit nur einer schäbigen Couch als Requisite, in französisch blau-weiß-roten Trainingsklamotten (Bühne und Kostüme: Koenig) füllen sie den Raum anderthalb Stunden lang mit geradezu vibrierender Energie. Mal quetschen sie sich auf die Couch und vernuscheln, -flüstern und -kichern dort ihre Texte – aber man spitzt die Ohren. Mal bauen sie sich aggressiv, breitbeinig auf, machen das Publikum an, lassen Gefährlichkeit durchblitzen. Sie können dick auftragen, sie können sich zurücknehmen.

Linus Koenig zeigt mit ihrer Hilfe, dass das Bild vom anderen immer von Erwartungen geprägt ist, wie dieser andere zu sein hat. Wir sind alle Rassisten, mögen wir es auch nett meinen. Nachdem der Schwarze wie gewünscht „größer“ gespielt und die Augen aufgerissen hat, soll er sich doch bitte für „König der Löwen“ bewerben. Trommeln könne er doch?

Im Jahr 2015, nach dem Massaker in der „Charlie Hebdo“-Redaktion, nach einer Fortsetzung von „La Haine“ gefragt, schloss Kassovitz das aus. Koenig nun verlängert in seiner Inszenierung die „Hass“-Spur nicht nur mit den Casting-Einschüben ins heute, er lässt auch im Hintergrund Szenen der Gewalt ablaufen, die meisten lassen sich schnell einer Zeit und einem Ereignis zuordnen: Amerikanische Polizisten prügeln auf den Schwarzen Rodney King ein. Ersticken in New York einen schwarzen Straßenhändler. Benno Ohnesorg liegt in seinem Blut. Helmut Kohl geht auf Eierwerfer los. Pink Panther schlendert herum. Und auch: Vermummte töten in Paris.

Man hatte wohl keine Mühe, Filmausschnitte des Schreckens zu finden.

Landungsbrücken Frankfurt: 13. und 17. November, 15. und 16. Dezember. www.landungsbruecken.org

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