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Handke Das ewige Geschlechtergeplänkel

Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ im Akademietheater Wien handelt von der erotischen Biographie eines Mannes und einer Frau und ein bisschen auch vom Sommer.

Dörte Lyssewski und Jens Harzer in "Die schönen Tage von Aranjuez". Foto: AFP

Am Ende, sagt die Frau, wurde es immer dramatisch. Eine Tragödie, fragt der Mann. Nein, sagt die Frau, ein Drama. „Zum Glück ist das hier zwischen uns beiden kein Drama“, sagt da der Mann. „Nichts als ein Sommerdialog.“ Damit hat Peter Handke, der Dichter unter den Schriftstellern, schön gesagt, was sein neues Stück ist. Es ist ein Sommertag, der einen Mann und eine Frau über ihr Liebesleben reden lässt, ihr Leben als Mann und Frau, ihre erotische Biografie. Wobei die Frau erzählt und der Mann fragt und es irgendwie auch der Sommer ist, der spricht.

„Die schönen Tage von Aranjuez“ heißt das Geschechtergeplänkel. Diese Tage sind längst, man weiß es seit Schiller, zu Ende. Mit diesen Worten beginnt Schillers „Don Carlos“-Tragödie, und dieses Schönheits- und Liebesende steht auch am Anfang von Handkes Sommerdialog. Versucht man, den Kern des Stücks herauszuschälen (was man vielleicht nicht tun sollte), geht es um die Rekonstruktion von Empfindungen und Geschlechterzusammenhängen in den Tagen der Emanzipation.

Handke hat der Frau in inniger Seelenverwandtschaft einen Teil von sich gegeben. Sie habe Rache genommen, sagt sie, aber nicht wie die anderen Frauen an den Männern, sondern an einem herrschenden Geist, einer „bestimmten Weltordnung“. Das ist der Geist der Emanzipation, den Handkes Stück finster erinnert. Dieser Geist machte es zur Lust der Frau, Männer in Schweine zu verwandeln. Und die Gesichter der Frauen machte er zu Masken, dazu da, sich begaffen zu lassen.

So beinhaltet „Die schönen Tage von Aranjuez“ eine zumindest fragwürdige Zeitdiagnose. Aber, wie so oft bei Handke, geht es mindestens genauso um die Gegengeschichte hinter dem Geschehen, das verpasste Leben, die verschütteten Möglichkeiten. Mit ihnen taumelt das Stück bedenkenlos in die Poesie hinein, da ist Handke der Poet, der der Sprache Töne und Bilder entlockt, die nicht einmal sie selbst sich hatte träumen lassen. Aus dem planlosen Geist des Sommertheaters findet er die Ahnung des Verlorenen. „Die schönen Tage von Aranjuez“ ist kein großes Stück wie das vorhergehende „Immer noch Sturm“, aber es ist ein schönes Stückchen. „Was gibt es Herzhafteres als die weibliche Form?“ Wer sonst kann solche einfachen, überraschenden und ins Innere treffenden Sätze schreiben?

Totgenudelte Metapher

So etwas wie die Festwochen-Uraufführung im Wiener Akademietheater, Regie Luc Bondy, mit Dörte Lyssewski und Jens Harzer, kann es wohl nur im Theater geben, höchst problematisch und wunderbar geglückt zugleich. Es beginnt selten dämlich mit dem naiv-verspielten Bühnenbild von Handkes Tochter Amina. Die schon lange totgenudelte Metapher vom Theater auf dem Theater wird noch einmal ausgepackt. Roter Vorhang, gemalte Prospekte, Opernnachklänge und allerlei Krimskrams zeigen: Wir sind hinter dem Vorhang auf der Bühne. Die Vorstellung ist gerade vorbei, Lyssewski raucht, Harzer krabbelt aus einem Bodenloch, beide Schauspieler stecken noch in den Don-Carlos-Kostümen. Schau an.

Das tut Handkes Text und seinem schönen Beginn gar nicht gut. „Wer macht den Anfang?“ fragt der Mann. „Du. So war es gedacht“, sagt die Frau. Gedacht von Anbeginn der Zeit, ergänzt sich hier wie von selbst, aber zwischen Krabbelei und Plunder ergänzt sich da gar nichts.

Im weiteren Verlauf zieht Harzer gern kleine Grimassen, mit denen er sich selbst etwas vorzumachen scheint, gleichzeitig spricht er so klar und gar nicht knarzend und näselnd, wie es sonst seine Art ist. Ein Kerl, der sich aufspielt, als Kenner des anderen Geschlechts und Herr der Situation, ein flatterhafter Gigolo des Dialogs. Sie dagegen erzählt ruhig und genau. Dörte Lyssewski wirkt ganz bei sich, ihr kompliziertes Leben als Frau hat diese Figur nicht um sich gebracht. Ihre Wangen haben bald jenen leichten Anflug von Röte, den man bekommt, wenn man mit innerer Beteiligung spricht. Sie ist eine großartige Auskunftgeberin in diesem Spiel.

Der Mann als surrealer Quatschkopf

Trotzdem ist das bald zäh. Wo es um Männer, Frauen, Emanzipation und Rache geht, träufelt einem das Spiel Schlafperlen ins Gemüt, auch wenn sich Harzer mit Sekt-Zauberei sehr um Unterhaltung müht. Irgendwann aber kommt es zum Kuss, im Stück nicht vorgesehen, aber innig und hingegeben wie selten im Theater, und etwa von da an platzt die Aufführung. „Aranjuez“, sagen sie, und der Mann erzählt, wie er dort eine Johannisbeere probierte, die einst von den königlichen Gärten in die Meseta ausgewandert und dort verwildert war. Das kommt fast einer Initiation gleich, ähnlich dem Schaukeln der Frau zu Beginn, als sie sich das erste Mal als Frau erlebte. Harzer umspielt Johannisbeere und Hexenkreise jetzt ebenso ironisch wie leidenschaftlich erregt. Der Mann als surrealer Quatschkopf, der sich wehrt, verliebt zu sein.

Je länger es dauert, desto mehr umspielen sich Lyssewski und Harzer. Am Ende wird es keinesfalls dramatisch, am Ende ist das, ganz im Sinne dieses anspielungsreichen Stücks, Anspielungs- statt Durchführungstheater. Die Frau steht auf dem Boden, der Blitz, hieß es, durchfuhr sie von unten, der Mann umkreist sie redend. Da sind keine Regiegedanken mehr, da ist das eine bloße Schauspielerspielerei.

„Die schönen Tage von Aranjuez“ werden zu dem, was sie im besten Sommersinne sind: eine Unbedachtheit, eine wunderbare Bagatelle, die so leicht-sinnig daherkommt, grillenhaft torkelnd, wie eine beschwipste Libelle auf Hochzeitsreise.

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