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Hamburg Marthaler Wo soll das alles enden?

Christoph Marthaler lässt im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg das totgesagte Theater sich selbst feiern mit Osbornes „Der Entertainer“.

15.02.2015 16:52
Frauke Hartmann
Egal, er will es noch einmal wissen: Michael Wittenborn als Entertainer. Foto: Matthias Horn

Wir kennen ihn alle, den kometenhaften Aufstieg der Alleinunterhalter und ihren bösen Fall. In Zeiten des Kalten Krieges hatten sie es schwer. Helden des Alltags und der „Bild“-Schlagzeilen, immer dem Verdacht des Spießertums ausgeliefert. Doch Heinz Erhardt, Harald Juhnke und Rex Gildo sind unter der Erde.

Nach dem Mauerfall erlebten die Stand-up Comedians, wie sie nun heißen, ihre Renaissance. Als beinah unfreiwillige Anwälte des Bürgertums gingen sie erneut auf Sendung mit Galionsfiguren wie Helge Schneider, Olli Dietrich, Harald Schmidt, Mario Barth, dem Quatsch Comedy Club. Und ihr Erfolg lässt sich nur mit der zunehmenden Zerbröckelung dieser Gesellschaftsschicht erklären.

Folgerichtig stellt Christoph Marthaler in seiner Inszenierung des Osborne-Stoffes „Der Entertainer“ am Deutschen Schauspielhaus die Frage, ob Männer wie Archie Rice heute überhaupt noch stürzen können, und wenn ja, wohin. Eine äußerst amüsante Frage, wie sich an diesem Abend zeigt. Marthaler nutzt die Mittel des Stand-ups, um ihn zu entlarven als notwendig scheiternden Versuch sich selbst zu entkommen. Und erfindet mithilfe einer fünfköpfigen Combo und drei herumpurzelnden spanischen Tänzerinnen ein Musical, das sich selbst immer wieder zu Fall bringt. Also kein Musical. Das ist die Überraschung des Abends.

Großartig singende Schauspieler

Nun hat Marthaler das Glück, unter Karin Beiers Intendanz am Schauspielhaus jene großartigen singenden Schauspieler vorzufinden, mit denen er dort teilweise schon unter Frank Baumbauer in den 90er Jahren arbeitete. In der völlig entrümpelten Spielfassung von Helmar Harald Fischer sehen wir Jean Pierre Cornu als Großvater Billy Rice, im Kostüm von Anja Rabes eine alte Schwuchtel mit langem Fetthaar und durchsichtiger Weste, die mit rassistischen und sexistischen Tiraden glänzt und stets wiederholt: „Es ist vorbei“. Kleine Selbstironie am Rande: Billy vertritt hier nicht mehr das Varieté, sondern Schauspielkunst und Oper. Marthaler verhandelt so gleich den Untergang des bürgerlichen Theaters mit.

Es ist ein Abend der großen Auftritte und schlechten Witze. Und es entsteht die paradoxe Situation, dass sich dieses Theater feiert. Nach dem Motto: Totgesagte leben länger. Zum Niederknien ist Michael Wittenborn als Archie Rice im weißen Anzug, der es schafft, mit Scherzen aus der untersten Schublade ganz ernsthaft auf die Griechenlandkrise, den IS, die Kriege in Syrien und der Ukraine, die Asylbewerberfrage, Frauenquote und die Hamburger Landtagswahl einzugehen.

Zudem erweist sich Wittenborn als begnadeter Imitator von Heinz Erhardt, Bill Ramsey, Fred Bertelmann, den Showgrößen der frühen 60er. Was vielleicht das größte Zugeständnis ist, das Marthaler Osborne macht. Mit dem unterirdischen Kalauer „Ich bin heute ein bisschen angeschlagert“ findet Wittenborn in in die Gegenwart zurück zu Andreas Bouranis „Ein Hoch auf uns, auf diesen Scheiß, der immer bleibt“.

Auf der abgeschabten Showtreppe

Irm Herrmann glänzt als Rices larmoyante Frau Phoebe. Schon auf der abgeschabten Showtreppe, die auf die Bühne führt, wankt sie leicht, um ihre Würde bemüht, um nachher im Alkoholdunst aufzuheulen: „Wo soll das alles enden?“ Ihre Kinder sind innerlich zerbrochen. Sasha Rau spielt Jean als junge Frau, die nichts mehr zu sagen hat. Lautlos bewegen sich ihre Lippen zum Text der anderen. Jan-Peter Kampwirth als Frank blödelt noch trostloser als sein Vater: Er habe eine Marktlücke entdeckt. „Da habe ich dann meinen Stand aufgebaut“. Da braucht nicht einmal mehr, wie bei Osborne, der alte Vater beim Versuch, noch einmal aufzutreten, zu sterben.

Marthaler benutzt einen grandiosen Trick, um die Klischees vom Prekariat aufzubrechen. Auf der Bühne von Duri Bischoff befindet sich hinter einem Vorhang noch eine zweite Bühne – spiegelverkehrt aufgebaut, und so laufen die Treppen oben zusammen. Hier führt eine zweite Familie wie in einem Spiegel den Untergang der Nummernrevue vor, alles geht daneben. Josef Ostendorf als Vater und Bettina Stucky als Mutter, Marion Martienzen (für Rosemary Hardy) als Halbschwester und Bastian Reiber als junger Mann mit gebrochenem Bein. Der beleibte Ostendorf führt als Running Gag ein Einrad mit und schlägt auf Stucky ein, wie einst Oliver Hardy auf Stan Laurel.

Sie parodieren die Ausbrüche von Wittenborn ( „Ich steh ja nur hier, weil ich die Frau des Intendanten bin“) aufs Schönste. Auf der Strecke bleiben dabei die Gefühlskälte und die Tragik seiner Figur. Marthaler verweist auf die Metaphysik. Da drehen die Schauspieler zum Choral „Nearer My God to Thee“ ihre Runden über die Treppen, und Wittenborn singt einsam den Kinks-Song „Death of a Clown“.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg: 18., 24. Februar, 4., 12., 24. März. www.schauspielhaus.de

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