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„Götterspeise“ in Kassel Die Frau, die es besser machte

Warum sollte man nicht auch im Todestrakt gut essen. Noah Haidles „Götterspeise“ ist am Staatstheater Kassel kein bisschen sentimental, vielmehr cool und sehr mitreißend.

Constant angesichts der Götterspeise. Foto: N. Klinger

Da gab es den freundlichen Bankangestellten, der selbst am meisten darunter litt, wenn etwas nicht ging oder stimmte. Man konnte sich um ihn Sorgen machen an diesem bestenfalls gleichgültigen Ort. Was mag aus ihm geworden sein? Noah Haidle, der amerikanische Filmautor und Dramatiker, kannte hingegen eine Cafeteria-Bedienung, bei der es ähnlich gewesen sein muss. Auch er verlor sie aus dem Blick. Darum ist die Heldin von „Götterspeise“ eine junge Serviererin namens Constant, die sich unheimlich Mühe gibt, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. In diesem Fall: In den USA.

Constant möbelt die Speisekarte der Schulkantine auf, bis ihre Stelle wegrationalisiert wird. Im Schnellrestaurant am Flughafen, wo auf einmal Deluxe-Burger gebraten werden, verliert sie die Nerven, als der Vater ihrer kleinen Tochter mit seiner Familie auftaucht. In der Psychiatrie, wo jetzt fast alle gerne zum Essen kommen, tötet sie eine Patientin, die sie so sehr darum gebeten hat. Im Todestrakt bereitet sie noch einmal ein tolles Buffet vor.

Es gibt keine Gerechtigkeit, aber die ehemalige Cafeteria-Besucherin, die sich gerne bei Constant ausheulte und ihr später als Sozialarbeiterin ihre Tochter wegnahm, hat offenbar doch ein Gewissen. Sie sorgt dafür, dass das Mädchen, wie einst ihre Mutter todunglücklich in Pflegefamilien aufgewachsen, diese nach all den Jahren wenigstens ein einziges Mal besuchen kommen kann.

„Götterspeise“ ist nicht nur gut gebaut, sehr gut gebaut, es wirkt auch – trotz allem – nicht sentimental. Das hängt damit zusammen, dass Constant, wiewohl eine weitläufige Verwandte von Brechts Shen Te („Der gute Mensch von Sezuan“), nicht der Opfertyp ist. Sie ist cool, um ein Lieblingswort Haidles zu verwenden, und weiß Gott nicht auf den Mund gefallen.

Am Staatstheater Kassel kann man das ausgezeichnet sehen, in einer Inszenierung von immenser Schnittigkeit und mit Caroline Dietrich als vor Zugewandtheit glühender Servierkraft. Haidle wie Dietrich spielen mit dem Klischee vom nicht zu brechenden Optimismus einer Amerikanerin. Auch im Todestrakt ist es besser, wenn das Essen schmeckt, klar.

Alles wirkt alert an diesem Haus, das mit seinem Intendanten Thomas Bockelmann auf Haidle-Erst- und Uraufführungen geradezu abonniert ist, wenn auch diesmal die Mannheimer – vor wenigen Monaten – die ersten waren. Bockelmanns Lesart als Regisseur hält ziemlich perfekt die Waage zwischen einem straffen Fortgang der Geschichte und komischen Einlagen. Zu den komischen Einlagen gehören Tanz und Gesang, das müsste streng genommen nicht sein, aber es ist auch lässig. Und Constant macht es Spaß, und weil man sie mag, freut man sich. Zum straffen Fortgang der Geschichte gehört Etienne Pluss’ Einheits-Diner, dessen Decke sich von Szene zu Szene tiefer senkt.

Es gibt attraktive Nebenrollen, die von Bernd Hölscher sensationell und von Artur Spannagel, Michaela Klamminger, Christina Weiser und Marius Bistritzky trefflich genutzt werden. Das kleine Mädchen, das zum stummen Beginn an der Rampe Götterspeise isst, die Haare wie Constant trägt und ins Publikum schaut: Auch cool und ein früher Nachweis, dass hier nichts einfach irgendwie erledigt wurde.

Staatstheater Kassel: 9., 14., 15., 19. Oktober. www.staatstheater-kassel.de

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