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Gießen Oper "Der misslungene Brautwechsel" Rammstoß vom Traumschiff

„Der misslungene Brautwechsel oder Riccardo I.“ von Händel und Telemann spielt m Gießener Stadttheater in einem Diner wie von Hopper gemalt. Und Maddin bedient.

06.04.2015 16:06
Hans-Jürgen Linke
Dem Thekenmann Maddin sein Leid klagen: Szene aus der Gießener Inszenierung von "Der misslungene Brautwechsel". Foto: rolf k. wegst

Das amerikanische Diner mit den roten Kunstlederpolstern und den Wänden, die je nach Licht zwischen Blau, Türkis und Grün changieren, zitiert Edward Hoppers „Nighthawks“. Angelika Höckners Bühnenbild für die Händel-und-Telemann-Oper „Der misslungene Brautwechsel oder Riccardo I.“ im Stadttheater Gießen kehrt die Perspektive um und lässt das Publikum von innen nach außen blicken. Und endlich wissen wir, wer der Wirt in dieser unwirklich cool ausgeleuchteten, vergangenen Gegenwart ist: der Comedian Martin, genannt Maddin Schneider.

Rücksichtslose Intrigen

Die barocke Verwicklungsgeschichte entwickelt sich in den Arien und Rezitativen im Diner. Sie beginnt mit einem Schiffbruch, nimmt ihren Fortgang mit Verstellung und Entlarvung, mündet in rücksichtslose Intrigen und große Gefühle, plötzlich wird sogar noch Krieg geführt, und das lieto fine bestraft den Tyrannen, ist aber für kaum eine der handelnden Personen glücklich.

Bei der ersten Uraufführung 1727 im Londoner King’s Theatre war Händels Riccardo I. eine Art Krönungsoper für George II. Anderthalb Jahre später wurde sie im bürgerlichen Hamburg unter Händels Freund Georg Philipp Telemann erneut uraufgeführt. Der hatte die Rezitative ins Deutsche übersetzen lassen und neu komponiert, eine komische Figur hinzu erfunden und den Akzent des Titels von Richard Löwenherz auf die Intrige und ihre interne Komik verlagert.

Die eigentliche Handlung ist rudimentär und liefert vor allem Anlässe für einige dieser grandios effektvollen Händel-Arien. In Balász Kovaliks Inszenierung sind sie meist an den Mann hinter der Theke adressiert, der verständnisvoll nickt, kommentiert und auch selbst, nun ja, singt.

Gut platziertes Theaterblut

Kovalik schlägt damit einen kühnen und intelligenten Bogen in jenes immerwährende Intrigen-Barock der Politik, das man, je nach Temperament und je nachdem, ob man Täter oder Opfer ist, deprimierend, bedrohlich oder komisch finden kann. Es gibt Tanzstunden- und Breakdance-Einlagen, Theaterblut, eine Unterwasser-Show und einen Traumschiff-Rammstoß, und immer ist eine Art narrativer Ironie präsent, die alles plausibel zusammenhält und nie vergisst, dass Menschen auf der Strecke bleiben, wenn Herrschende ihre Triebe und Interessen verfolgen.

Michael Hofstätter, der die Produktion musikalisch leitet und aus dem Philharmonischen Orchester Gießen ein klangschön und präzise agierendes Barock-Orchester geformt hat, hat ein Ensemble nach Gießen geholt, das kaum Wünsche offen lässt. In der Titelpartie – bei Händel war der Altus Seresino darauf abonniert, bei Telemann ist ein Bariton daraus geworden – hört man den virtuosen, warm timbrierten und überaus differenziert artikulierenden Bariton Tomá? Král, die weibliche Hauptpartie der permanent tief erschütterten Berengera singt auch in den schwierigsten Passagen ohne Druck und mit langen, schönen Bögen Naroa Intxausti. Das Ende aber gehört Maddin. Als alle anderen fort sind, bleibt er in einem gigantischen Versicherungsschaden allein mit sich zurück, macht sich seinen Reim und versucht, komisch zu bleiben. Vergeblich.

Stadttheater Gießen: 10., 18., 26. April, 10., 21. Mai. www.stadttheater-giessen.de

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