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„Gertrud“ im Theater Berlin Trude, da fehlt das Komma!

Die Kunst vom Weglassen: Jakob Fedler inszeniert am Deutschen Theater Berlin „Gertrud“ von Einar Schleef.

Gertrud
Antonia Bill, Wolfram Koch, Almut Zilcher (v. l.). Foto: Arno Declair

Da holt sich das Deutsche Theater also Einar Schleefs Jahrhundertroman „Gertrud“ auf die Bühne, lässt sich hierfür einen schräg aufgerichteten, kupferglänzenden Sarg errichten, steckt drei Schauspieler in eine braungrüne Uniform und erlaubt diesen freundlicherweise allerlei Freiheiten, den Text wahlweise mit Schabernack oder Schaudern zu umtänzeln, ihn also in alle denkbaren Richtungen zu erkunden – und dann ward daraus ein derart verhutzelter und sonderbar privatistischer, weltloser Abend. 

Vielleicht liegt es an der Vorlage. „Gertrud“ ist ein Roman in zwei umfangreichen Teilen, erschienen 1983 und 2003. Der berühmte Dichter, Regisseur, Bühnenbildner, Maler, Fotograf und Schauspieler Einar Schleef, verstorben vor 16 Jahren in Berlin, hat hier aus den Lebensgeschichten seiner Mutter, den eigenen und den epochalen Welterfahrungen ein Gesellschaftsgroßpanorama in Splittern erschaffen. Eine eigensinnige Montage aus Briefen, erzählenden und essayistischen Passagen, verfasst in einer so spröden wie dichten Kunstsprache, die gern auf die Verben verzichtet: „Die Leiter hinauf, obwohl Sprossen fehlen.“ 

Gertrud ist dabei stets beides zugleich: die Mutter in Sangerhausen und die Symbolfigur für eine zerbrochene, zerfurchte und furchterregende (deutsche) Geschichte. Deutschland im Zeichen des Getrudismus: zwischen Monstertum und Mitmacherei, zwischen Groll und Gehorsam. 
Obwohl dieser Roman schon verschiedentlich für das Theater bearbeitet wurde: Er macht es der Bühne noch immer nicht leicht. Es braucht ein Spiel hoher Künstlichkeit bei gleichzeitiger Anschaulichkeit, es braucht einen Blick auf die Geschichte und die Gegenwart, der sich im schieren Beobachten und Feststellen nicht erschöpft, sondern sich ins Handgemenge des Geschehens stürzt. 

Ein Chor bietet sich an, und chorisch lässt auch Jakob Fedler seine Inszenierung beginnen. Almut Zilcher, Antonia Bill und Wolfram Koch bauen sich hinter dem Sarg auf: forsch ins Publikum geschaut und stramm einen Satz gesprochen, den sie noch mehrfach wiederholen werden, seiner Leitmotivik wegen: „Meine Kindheit fiel – ins Kaiserreich, der Sportplatz in die – Weimaraner, die Ehe auf – Hitler unds – Alter in die DDR. – Wohin mein Kopp. – Viermal – Deutsches Reich, das 5. – ist 2 Meter lang. – Das 1000jährige Gottes – erleb ich nimmer.“?

Schleef, der einst selbst große Chöre inszenierte, hat gern von „Chor-Riss“, von „Chor-Sprengung“ gesprochen, denn der Riss gehöre als Ausdruck einer ureigenen menschlichen Zerrissenheit zu jedem Chor immer dazu. Sie lässt sich nicht auflösen, nur durch den Rausch, nur als Droge. 

Der Rausch soll an diesem Abend durch Verzicht entstehen: Das Mutter-Trio hat keine Requisiten, keine Musik, kaum Lichtwechsel. Es hat Sprache, Gänge, Gestik. Reduktion als Mittel der Vergrößerung. In den zehn Punkten für Schauspieler, die Einar Schleef vor 25 Jahren notierte und hier freundlicherweise auf den Programmzettel gedruckt sind, heißt es an sechster Stelle: „Picasso sagt: Wenn du mit drei Farben malen kannst, male mit zwei.“ Das wird bei Fedler wörtlich genommen: Sie malen mit Worten ihre Figuren an, von grellbunt bis grautrüb. Sie gefallen sich in Witznummern und Traueretüden. Sie hüpfen frohgemut vom Komischen ins Tragische. 

Verdeutlichungen in jedem Satz, in jeder Szene

Wolfram Koch spielt, wie Mutter Gertrud versucht, ihren Hintern zu sehen: „Ich will das Arschloch sehen!“. Er krümmt sich, er ächzt, sehr lustig. Almut Zilcher thront aufrecht und trägt mit dunkler Silbenreibung die Eingangsworte des Romans vor: „Denkst Du denn überhaupt nicht einmal an Deinen kranken Vater. Zu Weihnachten hast Du uns nicht geschrieben, wir wissen bis heute nicht, wo Du Weihnachten warst. Zu Ostern keinen Gruß, wie wissen nicht, was wir von Dir halten sollen.“ Sehr zornig, sehr zittrig. Antonia Bill rennt im Kreis, weil von Sport die Rede ist: „Fräulein Gertrud Hoffmann nimmt am Eisenacher Turnfest teil. Ein Wunder. Ich ging barfuß an den Start.“, sehr keuchend, sehr silbenhell. 

Das ist das Problem dieses bemühten Abends: Er hängt jedem Satz, jeder Szene eine Verdeutlichung um den Hals. Er glaubt immer, seine Figuren erklären zu müssen. Er entwickelt zwar alles aus dem Spiel, nimmt diesem aber allen Wagemut, alles Risiko. Mitunter wird es geradezu handgreiflich eindeutig. Es wird an der Rampe gestanden und der Satz aufgesagt „Der Arsch schlabbert“, dazu wird Arschschlabbern vorgeführt. Nur ein Beispiel.

Die Fassung, erstellt durch den Regisseur selbst, setzt nicht nur die Szenen jählings nebeneinander, verwirbelt die Zeit- und Erinnerungsebenen, sie raubt dem Buch auch die historische, politische Falltiefe. Die Kostümuniformen sind keine Äußerlichkeit: So verschieden die Stimmlagen und Spieltemperaturen sind, so unterschiedlich das gestische Repertoire auch ist, aus Gertrud wird hier eine verwechselbare Allerweltsfrau – und mit ihr die Geschichte zum bloßen Auffangbecken von Ereignissen. 

Einmal hüpfen sie lustig im Kreis, die Arme in die Höh, die Hintern heraus, und Wolfram Koch ruft: „Trude, da fehlt ein Komma!“. Ein Komma nur, aber es hängen Welten an einzelnen Zeichen. 

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