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"Geächtet" in Wiesbaden Wir aufgeklärten Simpel

Ayad Akthars mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes, stark inszeniertes Stück „Geächtet“ am Staatstheater Wiesbaden.

Wie konnte es so weit kommen? Amir schlägt Emily (Stefan Graf, Janina Schauer) in "Geächtet". Foto: Bettina Müller

Ayad Akthar, 1970 in den USA als Sohn pakistanischer Eltern geboren, hat für sein Theaterstück „Geächtet“ schon 2013 einen Pulitzer-Preis gewonnen. Ein Jahr später war es dort zu sehen, wo die Distanz zwischen Publikum und Protagonisten beunruhigend winzig wirken musste, am Broadway in New York. Die deutsche Erstaufführung war vor wenigen Wochen in Hamburg, jetzt bietet Bernd Mottl am Staatstheater Wiesbaden eine plausible, intensive Inszenierung.

Ihre größte Stärke liegt darin, dass es Mottl gelingt, Menschen auf die Bühne zu bringen, nicht die Stellvertreter gesellschaftspolitischer Ansichten. Auch Akthar bemüht sich sehr darum in einer vorzüglich gebauten, spannenden und für selbstbewusste Vertreter der Aufklärung beschämenden Handlung. Im englischen Titel „Disgraced“ – blamiert, in Ungnade gefallen, geschändet – steckt noch etwas mehr davon als im deutlicheren Begriff „Geächtet“ (Übersetzung: Barbara Christ).

Akthar bietet eine klassische New Yorker Kombination. Im Mittelpunkt Amir, erfolgreicher Anwalt pakistanisch-muslimischer Herkunft: In Wiesbaden ist das Stefan Graf, auch er das Zentrum der Inszenierung. Ungemein packend bewegt er sich zwischen dem nachdenklichen Privatmann und dem immer ad hoc eine Nuance übereifrigen Anwalt. Selbst den Übergang von Übereifer zu Unterwürfigkeit erspart er uns und Amir nicht. Seine „weiße Frau“ Emily, eine ambitionierte Malerin vor dem Durchbruch, ist Janina Schauer, sehr frohgemut und zielgerichtet. Amirs Kollegin Jory, eine Schwarze und damit wie Amir Außenseiterin in der jüdisch geführten Kanzlei, ist Sithembile Menck, die sich nicht unbedingt in die Karten schauen lässt. Ihr jüdischer Mann Isaac, Kurator der Gruppenausstellung, in der Emily ihre große Chance wittert, ist Ulrich Rechenbach als netter Möchtegern-Intellektueller, der der Situation seelisch und geistig nicht voll gewachsen ist.

Man ist reizend zueinander

New Yorks jüngere intellektuelle Klasse ist quasi vollständig vertreten. Man ist reizend zueinander und unheimlich froh, optimistisch und lässig, man serviert und genießt Schweinefilet. Zumindest hätte man es getan, wenn nicht das Dinner in der Mitte des Stücks bereits über dem Fenchel-Anchovis-Salat entgleist wäre. Alle machen dabei eine furchtbare Figur.

Der Beginn der Entgleisung liegt interessanterweise in Amirs Islamkritik. Ausgerechnet er, der sich von allem Religiösen abgewendet hat und sich zugleich um eine differenzierte Erforschung seiner selbst bemüht, wird nicht zuletzt durch die leichtfertig aufgeklärten Positionen der anderen zunehmend in die argumentative Enge getrieben. Auch wenn man ahnt, was passieren wird, ist der Weg dorthin facettenreich. Aber ja, er wird dann seine Frau schlagen, ja, er wird den Juden anspucken, und ja, er wird erklären, dass er am 11. September ein klein bisschen Stolz empfunden habe, „ich war entsetzt darüber, okay?“. Was als nicht unwitziges Konversationsstück beginnt, nimmt einen tragischen Verlauf in griechischer Dimension auf mehreren Ebenen. Denn Emily und seinem Neffen (Conrad Ahrens, der auch Musik macht) zuliebe hat sich Amir zu Beginn gegen seine Überzeugung in den Prozess gegen einen Iman eingeschaltet. Die Sache liegt Monate zurück und scheint vergessen, aber nicht in Amirs Kanzlei.

In Wiesbaden ist am Ende sogar das Bild zu sehen, das Emily von Amir malt, angeregt durch Velazquez’ „Porträt des Juan de Pareja“ – das ist die symbolisch hoch aufgeladene Eingangsszene. Amir befremdet es etwas, dass das Bildnis eines freigelassenen maurischen Sklaven Emily an ihn erinnert. Versuche, die Guckkastensituation aufzulockern, überzeugen dagegen in Maßen. Ein Teil des Publikums sitzt auf der Bühne, so dass das schicke lichte Wohnzimmer von Amir und Emily einen Steg zwischen den Zuschauerblöcken bildet (Ausstattung: Friedrich Eggert). Letztlich heißt das aber nur, dass sich die Zuschauer hier nicht nur die vierte, sondern die dritte und vierte Wand vorstellen. Comicartige animierte Bilder (Benjamin Bartenstein und Gerard Naziri) aus dem Arsenal der modernen amerikanischen Welt füllen harmlos die Umbaupausen des, wie von Akhtar gewünscht, pausenlos gespielten Stücks. 100 Minuten vergehen wie im Flug.

Hoffentlich ein Glücksfall: Schon Ende dieser Woche hat „Disgraced“ auch am English Theatre Frankfurt Premiere.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 2., 3., 11., 19. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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