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Gaslaternen Revolution am Kudammtheater

In der Kömodie am Kudamm brodelt es. Helle Aufregung um traditionelle Leuchtkörper, die gegen kühle, unpersönliche Nachfolger ausgetauscht werden sollen. Es regt sich Widerstand gegen ein sauteures „Gaslaternenmassaker“.

30.10.2012 21:35
Irene Bazinger
„Gaslicht-Kultur“ und „Denk mal an Berlin“: Die Zahl der Unterstützer der traditionellen Gaslaternen in Berlins zu beleuchtenden Außen- und Innenbereichen wird größer und größer. Foto: dpa

In der ausverkauften Komödie am Kurfürstendamm, die nicht gerade als Hotspot revolutionärer Umtriebe bekannt ist, geriet das sehr solide, sehr gediegene Publikum an diesem Abend in – sagen wir einfach dem Anlass gemäß – hellste Aufregung. Schuld daran war Jessica, die aber kein Wesen wie du und ich ist, sondern einer von 8000 Leuchtkörpern, die in Bälde Berlin neues Straßenlicht geben sollen. Denn die Denkmalschutzbehörde hat, wie es heißt, vergessen, die 43.500 traditionellen Gaslaternen zu schützen.

Obwohl sie als augenverträglicher, preiswerter, nachhaltig und historisch wertvoll gelten, ist geplant, dass sie demontiert und durch andere Laternen mit Energiesparlampen ersetzt werden. Gegen dieses sauteure „Gaslaternenmassaker“ engagiert sich seit einiger Zeit der Schauspieler und Moderator Ilja Richter.

Als Benefizveranstaltung für die Vereine „Gaslicht-Kultur“ und „Denk mal an Berlin“ hatte er nun eine erlesene Schar von Künstlerfreunden in die Kudamm-Komödie eingeladen, um Geld für weitere Protestaktionen, ein unabhängiges Gutachten über Kosten und Nutzen des städtischen Lichtwandels und vielleicht ein Moratorium zu sammeln.

Ein (Gas-)Licht möge aufgehen!

Berlins Prominenz war wirklich Feuer und Flamme für die Rettung der alten Straßenlampen. Und die wutbürgerlichen Zuschauer ließen sich bereitwillig anstecken, etwa in dieser Empörungskurve: Erst das Stadtschloss schleifen, dann wieder aufbauen! Mit dem neuen Flughafen wird’s wohl auch nichts! Und über die S-Bahn redet schon gar keiner mehr, dabei ist sie dauernd überfüllt und verspätet!

Jetzt noch die Gaslaternen verschrotten? Nie und nimmer! Fast lag da bereits das Kampflied „Ah! Ça ira!“ in der Luft, mit dem während der Französischen Revolution Aristokraten an die – genau, Laternen – gehängt wurden. Sage keiner, das wären keine Politiker gewesen!

Auf der Bühne jedenfalls wurde zum Thema Licht und Erleuchtung hinreißend und vergnügt gesungen, gespielt, deklamiert, gescherzt, agitiert. Anja Hauptmann zitierte ihren Großvater Gerhart, Katherina Lange sang Erich Mühsams „Lampenputzer“, Thomas Quasthoff parodierte Helmut Kohl. Ilja Richter holte sich Unterstützung bei René Pollesch und dessen „Don Juan“-Bearbeitung in der Volksbühne, in der Martin Wuttke als Titelheld über die Vorzüge der richtigen Beleuchtung philosophiert und deren Wert für gute Laune und eine stabile Libido betont.

Anita Kupsch, Katharina Thalbach, Klaus Hoffmann, Walter Plathe, Jim Rakete, Harald Martenstein und viele mehr legten sich höchst sympathisch für die Zukunft der alten Laternen ins Zeug – in der Hoffnung, dass dem Senat doch noch ein (Gas)-Licht aufgehen wird.

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