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„Früchte des Zorns“ am Thalia Hamburg Letzte Wahrheiten mit Luk Perceval

Luk Percevals Blick auf „Früchte des Zorns“ an Hamburgs Thalia-Theater setzt auf naheliegende Effekte. So kann aus dem Thema weltweite Migrationskrise schnell ein Allerweltstheater werden.

25.01.2016 15:37
Frauke Hartmann
Die Joads im Herbst (vorn, v.l.): Nick Monu, Marina Galic, Maria Shulga. Hinten: Rafael Stachowiak (Onkel Joan) und Bert Luppes (Jim Casy). Foto: dpa

Wir müssen hier fort.“ Dieser Satz bringt die Familie Joad immer wieder auf die Straße, von einem Lager zum nächsten ziehen sie. Sie verlieren immer mehr. Nachdem sie Haus und Hof, ihr Land und ihre Toten hinter sich gelassen haben, der völlig überladene Pritschenwagen mit ihren Habseligkeiten absäuft, bleibt da noch etwas? Ihre Würde? Ihr Menschsein?

John Steinbeck hat in seinem Jahrhundertroman „Früchte des Zorns“ diese Frage bejaht, zumindest indirekt, indem er die Tochter der Familie nach ihrer Totgeburt einen hungernden Mann stillen lässt. Eine Szene, die in der Rezeption so umstritten war, dass John Ford sie in seiner berühmten Verfilmung mit dem jungen Henry Fonda als Tom Joad einfach weggelassen hat.

Jene bei Steinbeck vielleicht zu groß geratene Geste des Mitgefühls inmitten von Resignation und Verzweiflung – sie fehlt auch an diesem Abend im Hamburger Thalia-Theater, der das zweiwöchige Festival „Um alles in der Welt – Lessingtage“ eröffnet und, wie nicht anders zu erwarten, der Flüchtlingskrise und ihrer Folge, unserer Neudefinition als Gesellschaft gewidmet ist.

In Kalifornien so unerwünscht wie heute in Leipzig

Steinbecks arme Siedler aus Oklahoma, die sich in den dreißiger Jahren über die Route 66 nach Westen aufmachen, sind in Kalifornien so unerwünscht wie die Geflüchteten bei Pegida in Leipzig. So viel liegt auf der Hand.

Was aber will die Regie? Einen neuen Blick auf die Literatur des 20. Jahrhunderts werfen, wie sie es schon mithilfe von Grass, Remarque, Fallada, Borchardt und Joyce durchaus erfolgreich probiert hat? Luk Perceval, umtriebiger Oberspielleiter seit 2009, hat das Steinbeck-Drama über die Okies, das Nobelpreis-gekrönte Literatur-Denkmal des amerikanischen Naturalismus und der Kapitalismuskritik, ganz und gar aus diesem Zusammenhang gelöst.

Lediglich die Kostüme (Annelies Vanlaere), meist erdfarbene viel zu weite Hosen, verweisen auf Geschichte. Sechs Schauspieler spielen eine zwölfköpfige Familie, eine riesige Stoffplane muss auf der leeren Bühne (Annette Kurz) das Zelt, den Schlafplatz, das Auto, die Nabelschnur, Menschen am Boden und auch mal einen Leichnam ersetzen.

Am unbegreiflichsten – und man ist versucht, an das unsägliche Schneetreiben in Percevals Molière-Marathon vor Jahren in Salzburg zu denken – aber ist der Herbstlaubregen, der mit dem Aufbruch der Joads einsetzt und die starren, oft radebrechend erzählten Bilder des Abends permanent berieselt. Das soll Naturgewalt veranschaulichen? Tödlicher sein als die Erde selbst? Die Okies hatten ihr Land mit Weizen-Monokulturen und unbezahlbaren Schulden in eine Staubwüste, die Dust Bowl, verwandelt. Viele verhungerten.

Doch was in diesem Stück wirklich langweilt, ist das Fehlen jeglicher Empathie, jeder auch nur ansatzweise glaubwürdigen emotionalen Beziehung zwischen den Rollen. Bewusst hat Perceval Schauspieler verschiedener Herkunft gewählt und lässt sie zeitweise in ihren Muttersprachen sprechen oder singen. Die Rollen passen überhaupt nicht zum Alter der Spieler, Manierismen häufen sich.

Warum sagt Marina Galic als Mutter etwa „ick“ statt „ich“ – weil ihre Eltern Kroaten sind? Warum muss Rafael Stachowiak als Onkel John seine Stimme total überfordern und zum Krächzen zwingen – um älter zu wirken? Ein Tribut an die neue Mehrsprachigkeit? Kaspertheater? Soll dieser Verfremdungseffekt die Literatur auf ihrem Podest bestätigen? Oder herunter zerren?

Jedenfalls lässt er die Figuren so holzschnittartig werden wie die Protagonisten der Bibel, die Perceval offenbar gerne zitiert, etwa mit dem Stampfen der Schauspieler, das die Trauben des Zorns in der Johannes-Offenbarung meinen kann wie auch das Anwerfen des Automotors, oder mit dem Aussetzen des Babyleichnams auf dem Fluss.

Deutlich wird hier nur der Wille des Regisseurs zur Verallgemeinerung, und vielleicht auch die Hybris, letzte Wahrheiten verkünden zu wollen. Von der weltweiten und immer schon historischen Migrantenkrise zum Allerweltstheater ist es dann nicht mehr weit. Es bleibt der Versuch, mit ungenauen und prätentiösen Mitteln den gleichen Effekt wie die berühmten Vorlagen erreichen zu wollen. Wie schade.

Den erreichte das Thalia ganz woanders: Als es sich am Sonntagvormittag zum Treffpunkt für die alten und neuen Bürger Hamburgs als Ort der Kontaktaufnahme angeboten hat. Mehr als 1000 Menschen kamen, darunter viele Geflüchtete, brachten Essen mit, saßen im ganzen Theater verstreut an Tischen zusammen und redeten miteinander.

Thalia-Theater Hamburg: 5., 13., 23., 25. Februar. Lessingtage bis 7. Februar. www.thalia-theater.de

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