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„Freischütz“ in Karlsruhe Sie will auch gar nicht

Der Karlsruher „Freischütz“ verliert sich in seinerm erheblichen Ideenreichtum, dessen psychologische Seite noch die stärkste ist.

Agathe und ihr Priester Ottokar
An seiner Seite noch am glücklichsten: Agathe und ihr Priester Ottokar. Foto: Tom Kohler

Carl Maria von Webers „Freischütz“ macht Akteuren und Publikum viele Deutungsangebote, denn tief ist nicht nur die Wolfsschlucht, sondern auch die Ambivalenz der Gefühle, die sich auf beiden Seiten der Bühne angesichts der betrüblichen Ereignisse auftun muss. Von der Idiotie des Probeschusses (auch der wahnsinnig unlogischen Begründung für seine Durchführung) über die gestörte Beziehung zwischen dem künftigen Brautpaar, die Rivalitäten und Hierarchien unter Männern, überhaupt das gar nicht so gemütliche Dasein im ländlichen Gemeinwesen, die Macht des Teufels und eines launischen Herrgotts bis hin zum schleierhaft glimpflichen Ausgang: Die tiefenpsychologischen und gesellschaftlichen Abgründe schwarzer Romantik brodeln unter dem Biedersinn von Jägerchor und Jungfernkranzliedlein, deren musikalische Wirkung aber gleichermaßen durchschlagend sind.

Es zeigt sich ein dauerhaft aufregendes Terrain für Szene und Klang, aber nur bedingt am Staatstheater Karlsruhe, wo die Regisseurin Verena Stoiber (mit ihrem „Rheingold“ bisher der Trumpf eines werdenden gemischten „Rings“ in Chemnitz) sich das Leben schwer macht und die Musik unter der Leitung von Johannes Willig über weite Strecken zurückhaltend und geradezu matt bleibt. Vielleicht wird sie auch einfach an den Rand gedrängt, wenn sich schon in der Ouvertüre manch rätselhafter Vorgang auf der Bühne zeigt. Ein Kircheninnenraum ist das, hoch und doch gruftartig gebaut von Sophia Schneider. Sie und Stoiber gewannen 2014 für die Konzeption gemeinsam den Ring Award in Graz, eine doch einige Jahre zurückliegende Ehrung. Das lässt es umso verblüffender erscheinen, wie unausgegoren vieles wirkt, auch wie überladen. Denn im Einzelnen ist das wohlüberlegt und handwerklich gekonnt, die Ideen aber überlagern sich, türmen sich geradezu auf, finden aber nicht zueinander.

So reizvoll der Einfall ist, die Wolfsschlucht-Szene in einem Gottesdienst spielen zu lassen und die liturgisch antwortende Gemeinde zum kollektiven Samiel zu machen, so spannungslos bleibt das in der Durchführung und so vage fügt es sich in ein Ganzes ein. Der Priester – bei dem es sich nachher überraschenderweise um Fürst Ottokar daselbst handelt und der vom charismatischen Armin Kolarczyk mit dem imposantesten Stimmformat des Abends ausgestattet wird – scheint hier ebenso wie Kaspar, der erfreulich finstere Konstantin Gorny, ein Strippenzieher zu sein. Aber woran ziehen die eigentlich und warum?

Denn zwischen die mystifizierende Schicht, in der eine ominöse teuflisch-katholische Achse zu regieren scheint, schiebt sich der Versuch einer bodenständig psychologisierenden Lesart. Für sich genommen ist sie die plausiblere Seite des Unterfangens: Die fromme Agathe, die milde und lieblich, aber auch ziemlich defensiv singende Ina Schlingensiepen, wohnt praktisch in der Kirche. Schlecht passt das Zu-zweit-in-den-Beichtstuhl-Schlüpfen zu ihrer ostentativ uninteressierten Haltung. Ihr glückloser Max zeigt nicht einmal die Erinnerung an glanzvolle Tage als treffsicherer Schütze, Matthias Wohlbrecht spielt das so intensiv, dass nur das zagende Männchen zurückbleibt, das Agathe vielleicht am ehesten um sich ertragen kann. Das stimmlich etwas Gepresste passt dazu, auch wenn man noch den leidendsten Tenor lieber strahlend jammern hört.

Dass es sich um „normale Leute“ in delikaten Situationen handelt, dokumentiert Stoiber mit Videoeinspielungen (Thiemo Hehl), die die Hauptfiguren nach Art von halbwegs seriösen Dokusoaps ihre Lage schildern lassen. Das sind auffallend gelungene Momente, schauspielerisch grandiose Leistungen der Sänger – für das wirklich vernünftige, singend sehr fein zwitschernde Ännchen von Agnieszka Tomaszewska gibt es einen Szenenapplaus –, aber erneut fehlt die Anbindung. Außer man ginge davon aus, dass nur an dieser Stelle die Menschen sprechen, auf der Bühne hingegen Marionetten. Das täte aber der Oper unrecht, auch kommt die Zuschauerin jetzt endgültig ins Raten und Stochern, und das ist nicht gut. Kein Nachteil ist es hingegen, dass Stoiber zugunsten der Videos auf die länglichen Sprechdialoge verzichtet (auch wenn man sie mitdenken muss, um folgen zu können).

Die wichtigen Chorszenen schwanken, auch das wirkt auf Dauer halbgar, zwischen liebevoll und trefflich ausinszenierter Geselligkeit und späßchenhafter Parodie – so im von Kuno, Renatus Meszar, karikaturesk dirigierten, selbst ebenfalls zappeligen Jägerchor. Dafür geht von dem von Ulrich Wagner geleiteten Kollektiv die stimmigste und mächtigste musikalische Leistung aus.

Für die Sympathieträger, so viel lässt sich noch sagen, endet die Geschichte übel. Tatsächlich verfallen Agathe und Max nervlich immer mehr, sind am Ende psychische Wracks. Die Situation entgleist total. Sieger scheinen vorerst irgendwie Priester Ottokar und Hilfsteufel Kasper zu sein.

 

Staatstheater Karlsruhe:

19. Oktober, 8., 18. November.

www.staatstheater.karlsruhe.de

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