Lade Inhalte...

Freies Tanztheater Frankfurt Und immer Überschreitungen

Marie-Luise Thieles Freies Tanztheater Frankfurt mit einem Stück über den Abschied.

Verwicklungen um ein Tuch in „vergehen“. Foto: Anna Meuer

Es werden auch die Worte zum Tanzen gebracht. Eine männliche Stimme aus dem Off trägt, quasi zum Prolog dieses Abends, eine Passage aus Platons Dialog „Phaidon“ vor um die Lebenden, die Tote sein und die Toten, die Lebende sein werden. Aus dem Leben das Tote, aus dem Toten das Leben... – diese Worte sind auf einmal in einen vielstimmigen loophaften Wirbel gesetzt.

Für ihr Stück „ver_ _gehen...“ hat sich die Choreografin Marie-Luise Thiele, die vor dreieinhalb Jahrzehnten das Freie Tanztheater Frankfurt gegründet hat, das ewige Werden und Vergehen zum Motiv gemacht, vor dem Hintergrund der eigenen Trauer. Einer Tempelpriesterin gleich zieht eine alte Frau im weißen Kleid mit einem beseelten Blick unentwegt ihre rituellen Bahnen um das Geviert des schwarzen Raums im Bockenheimer Titania, mit einem Schüttelsieb eine Randlinie aus Mehl ziehend. Entfernt in der Tiefe bilden zwei roststählerne Stelenskulpturen von Otmar Lange ein Paar in Abstraktion.

Alles ist ständig im Fluss in dieser als „installazione di danza“ deklarierten Komposition aus Tanz, Raum und Musik. Mal auch wird die Violinistin Fan Li, die aus der klassischen Musik kommt, zur Improvisationspartnerin des Jazzbassisten Thomas Heidepriem. Es entspinnen sich spielerische Begegnungen und temporäre Verknüpfungen zwischen den beiden jungen Tänzern Katharina Wiedenhofer und Richard Oberscheven und den Musikern. Da versetzt etwa der Tänzer den Kontrabass des derweil spielenden Musikers um ein kleines Stück zur Seite. Die Musiken stammen von Nik Bärtsch, Bernd Leukert, Marilyn Mazur, Olivier Messiaen und François Couturier; mitunter improvisiert Heidepriem zu der zugespielten Musik.

Grenzen gibt es hier keine. Alles in einer grundlegenden Atmosphäre der Schwebe. Was es schon gibt, ist ein Innen und ein Außen des Bühnengevierts, aber eben auch immer Überschreitungen. Das ist alles ausgesprochen schön, dabei gibt es auch Bilder, in denen aus dem Körper von Katharina Wiedenhofer kantig die Heftigkeit innerer Kämpfe zu sprechen scheint. Eine Soloszene mit Richard Oberscheven greift reminiszenzhaft die Verschiebungen der Körperachsen im Tanz von William Forsythe auf. Im Pas de deux wird aus Rangelei unversehens Umarmung.

Gewidmet ist das sechzigminütige Stück dem vor vier Jahren verstorbenen Musikjournalisten Michael Rieth, der lange auch für diese Zeitung gearbeitet hat; er ist der langjährige Partner von Marie-Luise Thiele gewesen, auch als Dramaturg für das Freie Tanztheater Frankfurt. Man hat ihn in Erinnerung in jenem Ledermantel, der in einer der diversen Filmsequenzen von Sven Bade auseinander- und am Schluss wieder zusammengefaltet wird, nach dem Tanz des Lebens. Rieth ist im Übrigen auch der – brillante – Sprecher des Platontextes und, zum Schluss, des Brechtgedichts „Erinnerung an die Marie A.“.

Es spielen sich Verwickelungen um ein rotes Schaltuch ab, ein weißes Luftkissen des Künstlers Frank Fierke wird zum Objekt des Tanzes. Da ist nichts Lastendes, es steht Gelöstheit über allem.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen