Lade Inhalte...

Freies Schauspiel Ensemble Schaumstoff vor der Brust

„Die Glasmenagerie“, das Drama einer Alleinerziehenden, beim Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt.

Mutter und Tochter
Die Mutter hat die Tochter in festem Griff. Foto: Felix Holland

Wer Kinder allein erzieht, muss oft gegen erdrückende Widrigkeiten kämpfen. Das gilt auch in reichen Gesellschaften. Diese Nöte hat Tennessee Williams in seinem berühmt gewordenen Theaterstück „Die Glasmenagerie“ beschrieben. Er erzählt in dem autobiographisch geprägten Stück von der eigenen Kindheit und führt nah heran an das Leben einer Familie, der inmitten der Weltwirtschaftskrise der Vater abhanden gekommen ist. Im Kriegsjahr 1944 wurde Tennessee Williams’ Stück in Chicago uraufgeführt.

Die Lage ist hier und heute zwar eine andere, Familien mit alleinerziehenden Müttern sind jedoch mitten im wohlhabenden Umfeld weiterhin besonders armutsgefährdet. So wirkt es stimmig, dass das Freie Schauspiel Ensemble, das „Die Glasmenagerie“ (Regie: Reinhard Hinzpeter, Deutsche Übersetzung: Jörn van Dyck) im Frankfurter Titania neu inszeniert hat, die Problematik der alleinerziehenden Mutter in den Mittelpunkt stellt.

Amanda Wingfield, bedrückend real von Michaela Conrad gegeben, bestimmt den Ton. Ihre Schimpf- und Drohtiraden lassen kaum Raum für die Wünsche und Träume ihrer Kinder. Diese entziehen sich ihr immer mehr in die Welt der Phantasie. Sohn Tom (Niklas Fiedler) geht nächtelang ins Kino, Tochter Laura (Vivien Zisack) verweigert sich den Karriereträumen der Mutter, schwänzt den Besuch der Wirtschaftsschule und taucht ab in die Licht- und Erinnerungsspiele ihrer Glasfigurensammlung.

Schritt für Schritt zerrinnt so vor den Augen der Zuschauer das Wunschbild der heilen Familie. Die Gründe hierfür bleiben jedoch diffus. Indem die Mutter alle Fäden in der Hand hält, scheint sie für den Niedergang ihrer Kinder verantwortlich zu sein. Überdeutlich wird dies in dem Moment, als Tom für die Schwester einen potentiellen Verehrer (Mario Linder) zum Abendessen einlädt. Das äußerst karge Wohnambiente (Bühne: Gerd Friedrich) wird nun mit Kerzen und Narzissenblüten aufgepeppt. Die Mutter kleidet sich elegant in ein langes weißes Kleid, ihr Haar wallt in weichen Locken über ihre Schultern. In ihrem Übereifer schüchtert sie die eh verschüchterte Tochter zusätzlich ein und stopft ihr Schaumstoff über den vermeintlich zu flachen Busen.

Gegen die Dominanz der Mutter können sich beide Kinder nur mit Musik und Phantasie zur Wehr setzen. Geschickt gelingt dies Niklas Fiedler durch von ihm entwickelte Rap-Songs, die live gesungen und per Video vergrößert eingespielt werden. Die im Stück angelegte Erzählerfigur bettet das Geschehen so in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang ein. „Wissen, Geld, Macht! Auf diesem Zyklus ist die Demokratie aufgebaut!“, heißt es dort beispielsweise.

Auch Tochter Laura scheint erst im Tanz für einen Moment Freiheit zu erleben. Endlich kann Vivien Zisack ihre eingeengte Rolle als scheue Tochter verlassen und zeigen, wie viel subtile Kraft in ihr steckt. Gelöst tanzt sie mit ihrem Verehrer Jim. Zukunft hat jedoch auch diese Begegnung nicht. Glück kann man hier offenbar nur durch Flucht in eine Traumwelt oder in ferne Weiten finden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen