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Freies Schauspiel Ensemble Frankfurt Gemeinsames Ringen um Glück

Dea Lohers „Unschuld“ in einer feinen Inszenierung des Freien Schauspiel Ensembles Frankfurt.

21.09.2015 17:01
Von Grete Götze
Liebe ist seltsam: Jochen Döring und Naja Marie Domsel als Migrant Fadoul und blinde Stripperin Absolut. Foto: Felix Holland

Es ist das eine, sich solch eigenartige Menschen auszudenken, wie die Autorin Dea Loher das in ihrem Stück „Unschuld“ getan hat – viele Verlorene hat sie sich da auf die Bühne gedacht, die im Laufe der neunzehn Szenen miteinander in Verbindung treten. Das andere ist, diese Figuren mit Leben zu füllen, sie so treffsicher zu kleiden und zu leiten, wie es Reinhard Hinzpeter jetzt bei seiner Premiere im Freien Schauspiel Ensemble gemacht hat. Nur zwei Stühle, einen Tisch und ein paar Urnen braucht er, sowie ein wenig Musik und ein paar Sekunden Dunkelheit zwischen den Szenen, um Lohers Figuren zum Leben zu erwecken.

An der Spitze des Dreiecks, welches das Bühnenbild darstellt, steht etwa mit dem Rücken zum Publikum eine Frau, die sich langsam auszieht, sorgsam ihre Kleidung zusammenlegt und schließlich nackt im Dunkeln verschwindet. Dieser ästhetische wie einsame Moment bringt das Leben der beiden Einwanderer an der Rampe noch mehr ins Ungleichgewicht (dass sie schwarz und illegal im Land sind, ist klug durch zwei Klebeband-Kreuze auf ihren Gesichtern gelöst, die sie der Blackfacing-Debatte unverdächtig machen). Denn Elisio (Mario Linder) fühlt sich fortan so schuldig, der Ertrunkenen nicht geholfen zu haben, dass er nicht mehr schlafen kann und das Handeln seines Freundes Fadoul infrage stellt. Den spielt Jochen Döring, wie Mario Linder zum ersten Mal auf der Bühne des Freien Schauspiel Ensembles, und den meisten Frankfurtern bislang eher als Teil des Comedy-Duos „Frankfurter Klasse“ bekannt.

Er hat nur Augen für die Toten

In diesen Fadoul verliebt sich die blinde Stripperin Absolut (Naja Marie Domsel). Aber die beiden bilden auch bei einem anderen Handlungsstrang ein Paar, so wie jeder der Schauspieler mindestens zwei Rollen spielt. Domsel spielt also auch Rosa, die eigentlich nur ein Kind und ein eigenes Leben mit ihrem Freund Franz haben möchte. Der wird aber Bestatter und hat fortan nur noch Augen für seine Toten.

Wie da eine junge Frau um die Aufmerksamkeit ihres Geliebten kämpft und so wenig von ihm gesehen wird, ist fast genauso tragisch wie die Beziehung zu ihrer abgehalfterten Mutter. Michaela Conrad spiet sie derart rotzig und selbstgewiss, dass man sie von der Bühne jagen will, damit ihre Tochter endlich ein eigenes Leben beginnen kann.

An Einsamkeit und Verrücktheit kaum zu übertreffen ist die Figur der Frau Habersatt, die sich als Mutter eines Amokläufers ausgibt, um bei den Eltern der Getöteten um Vergebung zu bitten. Bettina Kaminski spielt sie fast koboldhaft im türkisfarbenen Kapuzencape. „Sie haben aber viele Bücher“, sagt die seltsame Frau mit Blick auf eine leere Wand.

Ein komischer Moment, der zeigt, wie verrückt in dieser Szene alles ist. Die Eltern tragen Trauer hinter den Illustrierten-Köpfen, die sie sich vor ihr Gesicht geklebt haben. Drei Menschen, die zwischen Leben und Tod wandeln, die in ihre Lebensrolle scheinbar zufällig hinein geraten sind. Dass man über sie trotz ihrer Traurigkeit immer wieder lachen muss, zeigt, was für eine gelungene Inszenierung und eine hervorragende Ensembleleistung diese „Unschuld“ geworden ist.

Freies Schauspiel Ensemble im Titania, Frankfurt: 26. September, 2., 3., 23. Oktober. www.freiesschauspiel.de

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