Lade Inhalte...

Frankfurt Frau Boldt und ihr Soda und Gomorra

„Tratsch im Treppenhaus“ eröffnet die Saison im im Fritz Rémond Theater.

Mahler
Heidi Mahler tratscht, hier mit Manfred Bettinger. Foto: Peter Bocklage

Das Stück ist in die Jahre gekommen. Bereits 1960 wurde „Tratsch im Treppenhaus“ von Jens Exler in Flensburg uraufgeführt. Fernsehübertragungen aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater haben die Komödie um die Bewohner eine Mietskaserne kurze Zeit später bundesweit bekannt gemacht. In der intriganten Schwätzerin Meta Boldt fand die 2010 verstorbene Volksschauspielerin Heidi Kabel ihre Paraderolle.

In der Inszenierung von Michael Koch, mit der das Frankfurter Fritz Rémond Theater am Donnerstag die neue Spielzeit eröffnet hat, ist dessen Ehefrau Heidi Mahler in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. In Kittelschürze und mit das Haar bändigendem bunten Kopftuch erinnert die mittlerweile 74-Jährige auch stark an Else Kling aus der „Lindenstraße“. Doch während die ARD-Serie mit modernen Mitteln versucht, dem Zuschauerrückgang entgegenzuwirken, bleibt das spielfreudige Ensemble auf der Bühne im Zoo der Tradition verhaftet.

So zerreißt sich Meta Boldt das Klatschmaul über „Skandale“, die heute kaum mehr welche wären. Etwa die Frage, ob eine alleinstehende Frau in der Kammer eines Junggesellen übernachtet hat. Anderes, was auf dieser Reise in die Vergangenheit diskutiert wird, die sich in dem von Katrin Reimers entworfenen Treppenhaus einer schon leicht heruntergekommenen Wohnanlage abspielt, führt noch immer zu Scherereien und Streitigkeiten zwischen den Mietparteien: Laute Musik, vertraglich verbotene Untermieter oder der regelmäßig wechselnde Treppenputzdienst.

Der nostalgische Trip lebt in der ersten Hälfte des knapp zweieinhalbstündigen Abends vom mit beeindruckender Wendigkeit ausgeführten Ränkespiel der missgünstigen Tratschtante, die ihre Nachbarn belauscht und gegeneinander ausspielt. Leidtragende sind der etwas steife Steuerinspektor a.D., Ewald Brummer (Manfred Bettinger), und sein aus dem eigenen Elternhaus geflüchteter, schlagfertiger Neffe Dieter (Fabian Goedecke) sowie die auf der gleichen Etage wohnende, gutherzige Reinemachfrau Hanne Knoop (Verena Peters). Sie hat die attraktive Tochter ihres nur ans eigene Autogeschäft denkenden Chefs, Heike Seefeldt (Eileen Weidel), bei sich aufgenommen. Die charmante Dame weiß die Herren jeder Generation, darunter noch Schlachter- und Hausmeister Bernhard Tramsen (Wolfgang Sommer), mit ihrer Schönheit und Freundlichkeit zu bezirzen und gleichzeitig die unerwünschte Spionin zu durchschauen.

Die Folgen, so viel darf man verraten, leiten über zu einem großen Happy End. Beschimpfte man sich eben noch als „Offenbacher“, nicht gerade in guter Nachbarschaftsmanier und mit in diesem Zusammenhang leicht irritierendem norddeutschen Zungenschlag, liegt man nun einander fröhlich in den Armen und trinkt Brüderschaft. Nur die böse Meta Boldt glaubt weiter an „Soda und Gomorra“ im Stockwerk über ihr, statt mal lieber vor der eigenen Tür zu kehren.

Die Botschaft ist klar, der Witz flacht jedoch zunehmend ab. Überraschungen bleiben in der zweiten Hälfte aus. Abgesehen von einer Stimme aus dem Publikum, die nach schüchternen Versuchen den ersten richtigen Kuss zwischen Dieter und Heike mit „So ist’s richtig“ kommentiert und damit großes Gelächter provoziert. Manches wird sich eben nie ändern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen