Lade Inhalte...

Forced Entertainment Wenn Männer zu Flaschen werden

„Der Kaufmann“, „Richard II.“, „Verlorene Liebesmüh’“ und „Macbeth“ im Mousonturm Frankfurt.

Ding-Figuren
Ding-Figuren in Aktion. Foto: Hugo Glendinning

Der dritte Abend, das neunte, zehnte, elfte und zwölfte Stück. Sämtliche Dramen William Shakespeares in einer Woche zu zeigen, wie es die Theatertruppe Forced Entertainment jetzt „in modernem Englisch“ im Frankfurter Mousonturm durchzieht, hat auch den Vorteil, dass der in Deutschland als notorischer Problemtext behandelte „Kaufmann von Venedig“ gelassen mit durchrutscht, so ruhig referiert wie die anderen auch, in 53 Minuten plus / minus.

Die Alltagsgegenstände, die am großen Holztisch die Figuren vertreten – mittels der unvermeidlichen Fantasieleistung der Zuschauer sofort zu den Figuren werden –, werden von den jeweiligen Erzählerinnen und Erzählern zuvor aus dem Regal geräumt, dann wieder in ihr Fach zurückgestellt. Man sieht dann noch die mächtige Flasche Ballantine’s (Henry Bolingbroke aus „Richard II.“, nachher Heinrich IV.) dort stehen, oder die hellgelbe Duschlotion (Lady Rosaline aus „Verlorene Liebesmüh’“). Wie aber wird der Jude Shylock dargestellt? Er ist ein leerer Bilderrahmen. Gute Idee. Unsere Entscheidung und unser Problem, was wir darin sehen.

„Der Kaufmann von Venedig“ also: Nicki Hobday erzählt die Geschichte so lakonisch wie irgend möglich. Shylock wird dabei – für ein deutsche Publikum verwirrend – fast zu einer Nebenfigur, zum Antagonisten, der die Konflikte für die Hauptfiguren in Gang setzt. Antonio, dem melancholischen, durch seinen routinierten Judenhass unsympathischen, aber auch einsamen Titelhelden, gehört die Bühne. Er ist eine der vielen Flaschen dieses Abends. Wenn die rosen- und rosawässrigen der Damen umgedreht werden, haben diese sich verkleidet. Liebevoll gestaltet Hobday die Verlegenheit der verliebten Männer. Dass Liebe dumm macht, wird besonders sichtbar, wenn es sich um Flaschen handelt. Und dass der Prinz von Aragon – schon von Shakespeare nur dafür eingesetzt, in einer Wurzenrolle lächerlich gemacht zu werden – ein Porzellannippes ist, gibt ihm auch nicht mehr Würde.

Sodann „Richard II.“, ein wenigstens in Deutschland verhältnismäßig selten gespieltes Stück, was das Forced-Entertainment-Konzept, das Skelettieren der Handlung besonders gut zur Geltung bringt. Wenn es überhaupt möglich ist, ist Erzählerin Terry O’Connor noch cooler als Hobday. Richard II., eine schlanke lichte Flasche, ist letztlich zu schwach, eine permanent leicht überforderte Führungskraft. Dass sich die Ballantine’s-Flasche durchsetzen wird, erweist sich aber erst im Laufe der Stunde. Flaschen kommen, Flaschen gehen, Flaschen koalieren und bringen ihre Kinder mit (kleinere Flaschen).

Sodann „Love’s Labour’s Lost“, was sehr gut ist, weil man jetzt dringend etwas braucht, über das man einfach nur lachen muss. Dafür sorgt Robin Arthur, dafür sorgt hier aufs Schönste eben jene Liebe, die jetzt schon recht angetrunkene, halbvolle Flaschen mit Körperpflegeprodukten zusammenbringt. Ist das ein Frauenbild, mit dem wir uns identifizieren wollen? Geht so, aber die Damen kommen zurecht. Wie im „Kaufmann“ und im „Richard“ sind die kleinen Wiederholungen, die in einer herkömmlichen Inszenierung verdammt lange dauern können, hier ein durchlaufender Spaß. Die Spieler können immer noch einen Zahn zulegen.

Schließlich „Macbeth“, von Richard Lowdon mit relativ viel Leidenschaftlichkeit geboten. Die Hexen: Fadenknäuel, die den robusten Putzmitteln seltsam vorkommen müssen. Dass der gespenstisch bzw. militärtaktisch vorrückende Wald von Birnam aus Küchenschwämmen besteht, ist einer der raren Regelverstöße im Verzicht auf Theaterrequisiten. Aber nichts ist hier dogmatisch.

Das Publikum lockert sich zunehmen auf, in den Minipausen kommt es zu teils bereits vergeblichen Versuchen, weitere Karten zu erwerben.

Forced Entertainment im Frankfurter
Mousonturm: bis 18. Februar.
www.mousonturm.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen