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Forced Entertainment Und zuletzt die Verzweiflung

Der zweite Shakespeare-Tabletop-Abend von Forced Entertainment im Frankfurter Mousonturm.

Brutus ist eine Flasche mit scharfem Ketchup, Hamlet eine lange dünne mit schwarzer Flüssigkeit (Balsamico?), der Geist des Vaters eine Käsereibe: Welcher Gegenstand welche Shakespeare-Figur, nun ja, verkörpert, ist ein Teil des Spaßes beim „Complete Works“-Projekt der Theatertruppe Forced Entertainment. Aber es zeigt sich am zweiten Abend mit vier Stücken in der Studiobühne des Frankfurter Mousonturms auch: Käsereibe oder Anti-Flöhemittel für Hunde in der stattlichen Plastikflasche (Claudius) hin oder her, der jeweilige FE-Performer nimmt es in die Hand, die Heiterkeit steigen oder eine gewisse betroffene Stille um sich greifen zu lassen. Terry O’Connor etwa bildete am ersten Abend den „Romeo and Juliet“-Ernst ab, am zweiten schließt sie nüchtern-dunkel mit „Hamlet“.

Die Reduzierung der Stücke auf 45 bis 60 Minuten macht ihre Linien und Themen fabelhaft sichtbar. Mit „Julius Caesar“, am Sonntagabend erzählt von Robin Arthur, tritt nach „Coriolanus“ zum zweiten Mal ein fatal stolzer Feldherr an, der auf den Plebs (Eierbecherchen, kleine Batterien) herabblickt. Und gleich folgt (mit Cathy Naden hinterm Spiel-Tisch) ein weiterer suboptimaler Herrscher, „King John“, dessen Makel zum einen die Schwäche, zum anderen der Machthunger ist. Seinen Thron räumen will er nicht, aber andere, auch Mörder, sollen ihm die Krone retten. Für den jungen Mann namens Faulconbridge, der bis zum Tod des Königs loyal ist, der dann dem Sohn seine Loyalität verspricht, gibt es am Ende keinen Platz mehr am Hof.

Getrost kann man sagen, dass „King John“ nicht Shakespeares bestes Stück ist. Das gilt auch für das ebenfalls selten bis gar nicht gespielte „Troilus und Cressida“, für das Jerry Killlick den spöttischen Erzähler gibt. Die Helden des Trojanischen Kriegs sind darin doof oder eitel oder beides, die Liebesschwüre sind darin ungefähr so lange haltbar wie im „Sommernachtstraum“, doch muss ihr Bruch hier nicht einmal von einem Zauberpflanzensaft befördert werden. Ein alter Mann steht am Ende als der Dumme da; schlimmer allerdings geht es für Hector aus.

Und dann kommt „Hamlet“ – und haut einen die gedankliche Tiefe dieses Stückes um. Da geht es um Moral, Schuld, schwarze Verzweiflung, da tun sich Deutungsvarianten auf, wie sie sich der findigste Regisseur nicht für „King John“ ausdenken könnte. Dass ein solcher Vergleich möglich ist, auch das ist der Charme der „Complete Works“-Reihe von Forced Entertainment.

Mousonturm , Frankfurt: bis 18. Febr.

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